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Arbeitsmarkt im Wandel : Folgen von Corona: Kurzarbeit

Corona hat die größte wirtschaftliche Depression seit Bestehen der Bundesrepublik ausgelöst. Die Folgen für den Arbeitsmarkt sind enorm: Millionen Büroangestellte arbeiten von Zuhause („Homeoffice“). Für gut 10,6 Millionen Beschäftigte bzw. 31,4 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten haben die Betriebe bei der Bundesagentur für Arbeit Kurzarbeit angezeigt. Die Arbeitslosenquote ist zwischen März und Mai 2020 ebenfalls angestiegen, fällt aber mit 6,1 Prozent gegenwärtig noch vergleichsweise moderat aus.

Welche Unterschiede bestehen in der regionalen Verbreitung der Kurzarbeit? Wie erklären sich diese? Wo ist die Arbeitslosigkeit Corona-bedingt dennoch gestiegen? Gibt es einen regionalen Zusammenhang zwischen dem Corona-bedingten Anstieg der Arbeitslosenquote und der angezeigten Kurzarbeit? Diese Fragen werden im WSI Policy Brief 43 mit Hilfe von Kennziffern beantwortet, die auf der Grundlage der neuesten regionalen Daten der Bundesagentur berechnet wurden.

Bereits im März 2020 hatte die Bundesregierung eine bis zum Ende des Jahres befristete Lockerung der Voraussetzungen für den Bezug von Kurzarbeitergeld beschlossen (Bundesagentur für Arbeit 2020; Schulten/Müller 2020). Mehr noch als in der kurzen, aber tiefen Rezession 2008/2009 ist das Kurzarbeitergeld zum wichtigsten arbeitsmarktpolitischen Instrument in der Corona-Krise geworden.

Gegenwärtig lässt sich die Bedeutung des Kurzarbeitergeldes für den Arbeitsmarkt nur anhand der Anzeigen zur Kurzarbeit abschätzen, da regionale Daten zur tatsächlich realisierten Kurzarbeit erst in einigen Monaten vorliegen werden. Um die Verbreitung der angezeigten Kurzarbeit einordnen zu können, wurde die „Quote angezeigter Kurzarbeit“ gebildet. Diese setzt die Summe der in den Anzeigen für konjunkturelles Kurzarbeitergeld genannten Personenzahl für März und April in Relation zur Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Die Ergebnisse für die Kreise sind in der Karte und in der Tabelle dokumentiert.

Auf der einen Seite muss betont werden, dass bei der Verwendung dieser Kennziffer Vorsicht geboten ist, da die regionale Zuordnung der Anzeigen von Kurzarbeit dadurch verzerrt ist, dass einige Unternehmen die Kurzarbeit an ihrem Hauptsitz und nicht separat am Betriebssitz einer jeden Filiale anzeigen. Zudem sollte nicht vergessen werden, dass es sich um angezeigte Kurzarbeit handelt, nicht um Personen, die sich in Kurzarbeit befinden. Es handelt sich mithin um eine Schätzung, die mit Unsicherheiten behaftet ist.

Auf der anderen Seite deuten sich beim Blick auf die Karte mögliche strukturelle Gründe für die Unterschiede hinsichtlich der Anzeigen von Kurzarbeit an: So wurden in Emden (56,0 Prozent) und in Wolfsburg (52,2 Prozent) für einen großen Teil der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung Kurzarbeit angezeigt. Dies lässt sich zu einem großen Teil mit dem Einbruch der Automobilnachfrage erklären, welcher Produktionsstopps in den Volkswagenwerken in Wolfsburg und Emden zur Folge hatte. Am meisten greift jedoch das von der Corona-Krise stark betroffene Gastgewerbe auf Kurzarbeit zurück. So ist im März und April für 93,4 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Gastronomie und dem Beherbergungsgewerbe Kurzarbeit angezeigt worden. Schließlich wird oftmals vermutet, dass es sich bei der Kurzarbeit um ein Instrument handelt, das vornehmlich in industriellen Großbetrieben eingesetzt wird (Eichhorst/Marx 2009, S.325). Es liegt daher nahe, die in der Karte aufscheinenden Unterschiede durch den Anteil der Beschäftigung in Großbetrieben erklären zu wollen. Dem widerspricht allerdings, dass in den großindustriell geprägten Städten Ludwigshafen (11,6 Prozent) und Leverkusen (16,2 Prozent) für einen vergleichsweise geringen Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten Kurzarbeit angezeigt worden ist.

Eine ergänzende Regressionsanalyse zeigt, dass die regionalen Unterschiede hinsichtlich der Verbreitung der Anzeigen von Kurzarbeit zu einem nicht unbeachtlichen Anteil auf Aspekte der Beschäftigungsstrukturen zurückgeführt werden. Grundsätzlich gilt: Je größer die Bedeutung der Metall-, Elektro- und Stahlindustrie für die Beschäftigung in einem Kreis ist, desto höher ist die Quote der angezeigten Kurzarbeit im Mittel.

Es zeigt sich auch ein positiver Zusammenhang zwischen dem Anteil des Gastgewerbes an der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in einem Kreis und dem von den Betrieben avisierten Umfang der Kurzarbeit. Dieser Befund kommt jedoch vor allem durch Tourismusregionen zustande. Als Beispiele können in den Bergen der Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald (41,4 Prozent), das Oberallgäu (40,4 Prozent) und Garmisch-Partenkirchen (35,1 Prozent) genannt werden. An der Nord- und Ostseeküste trifft dies unter anderem auf Wittmund (35,6 Prozent), Ostholstein (34,7 Prozent) und Vorpommern-Rügen (35,5 Prozent) zu. Ein Großteil der Kreise in Deutschland weist hingegen ähnlich hohe Beschäftigungsanteile des Gastgewerbes auf.

Die Vermutung, dass in Kreisen mit hohen Beschäftigungsanteilen in Großbetrieben mehr Kurzarbeit geplant wird als in kleinbetrieblich strukturierten Regionen, erweist sich hingegen als falsch. Tatsächlich besteht ein deutlicher negativer Zusammenhang zwischen den beiden Größen. Kurzarbeit ist also eher in Regionen geplant worden, in denen die großbetriebliche Beschäftigung eine unterdurchschnittliche Bedeutung hat.

Detaillierte Daten und Analysen:

Download WSI Policy Brief 43, 06/2020 (pdf)
Download Daten (xlsx)
Download Karte (png, Print-Auflösung)

Literatur

Bundesagentur für Arbeit (2020): Inanspruchnahme konjunkturelles Kurzarbeitergeld nach § 96 SGB III, Nürnberg
Eichhorst, W./Marx, P. (2009): Kurzarbeit - Sinnvoller Konjunkturpuffer oder verlängertes Arbeitslosengeld?, in: Wirtschaftsdienst 89 (5), S. 322–328
Schulten, T./Müller, T. (2020): Kurzarbeitergeld in der Corona-Krise. Aktuelle Regelungen in Deutschland und Europa, Düsseldorf

 

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