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WSI GenderDatenPortal: Erwerbsarbeit: Leiharbeit 1991-2019

Leiharbeit ist in Deutschland immer noch ein von Männern dominierter Beschäftigungsbereich. Im Jahr 2019 stellen Frauen 29 Prozent aller Leiharbeitnehmer*innen. Der Vergleich von Frauen und Männern zeigt zudem, dass Leiharbeit unter Frauen über den gesamten Beobachtungszeitraum stärker zugenommen hat als unter Männern: Im Jahr 1991 waren nur 26.000 Frauen als Leiharbeitnehmerinnen tätig, im Jahr 2019 aber schon 262.000. Die Zahl der Leiharbeiternehmerinnen stieg damit seit 1991 fast auf das Zehnfache an. Bei den Männern fand im gleichen Zeitraum ein Anstieg auf das Sechsfache statt, von 106.000 auf 633.000 Beschäftigte.

Leiharbeit hat in Deutschland seit Beginn der 1990er Jahre und ganz besonders in den Jahren nach 2004 stark an Bedeutung gewonnen. Über den gesamten Beobachtungszeitraum seit 1991 ist die Zahl der Leiharbeitnehmer*innen auf das Siebenfache angewachsen. Noch im Jahr 1991 waren in Deutschland nur 131.000 Beschäftigte in der Leiharbeitsbranche tätig, im Jahr 2019 hingegen 895.000 Beschäftigte. Den bisherigen Höchststand erreichte die Leiharbeit im Jahr 2017 mit mehr als 1 Mio. Beschäftigten. Der ab 2017 deutliche Rückgang der Leiharbeit geht teilweise auf eine schwächelnde Konjunktur zurück, teilweise aber auch auf die gesetzliche Regulierung von Zeitarbeit. (1)

Ein besonders starker Anstieg der Leiharbeit ist für Frauen und Männer in den Jahren nach 2004 festzustellen. In nur vier Jahren (2004 bis 2008) verdoppelte sich die Zahl der Leiharbeitnehmer*innen von 381.000 auf 761.000, bevor sie im Jahr 2009 infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise stark einbrach. (2) Hiervon waren Männer in stärkerem Maße betroffen, sodass der Frauenanteil an allen Leiharbeitnehmer*innen in diesem Jahr zum ersten Mal die 30 Prozent-Marke erreichte.

Bei der Interpretation der Zeitreihe ist zu beachten, dass die Ergebnisse ab 2013 auf einer neuen Statistik zur Arbeitnehmerüberlassung basieren. Infolgedessen werden Leiharbeitnehmer*innen nun besser erfasst, dadurch liegt ihre Zahl seitdem etwas höher als in den Jahren zuvor (vgl. methodische Anmerkungen). Mit der neuen Statistik kann nun auch der Anteil der Leiharbeitnehmer*innen an der Gesamtbeschäftigung in Deutschland direkt bestimmt werden: Bezogen auf die Jahresdurchschnittswerte waren im Jahr 2019 2,3 Prozent aller Beschäftigten als Leiharbeitnehmer*in tätig. Bei Männern (3,2 Prozent) spielt die Leiharbeit dabei eine größere Rolle als bei Frauen (1,4 Prozent). (3)

Im regionalen Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland zeigen sich überwiegend ähnliche Entwicklungen: In beiden Teilen Deutschlands ist ein kontinuierlicher Anstieg der Zahl von Leiharbeitnehmer*innen zwischen 2013 und 2017 sowie ein starker Rückgang in den Jahren 2018 und 2019 festzustellen. Frauen stellen in Ost- und Westdeutschland jeweils fast ein Drittel der Leiharbeitnehmer*innen. Bezogen auf alle Beschäftigten sind Frauen in beiden Teilen Deutschlands zu einem fast gleichen Anteil in der Leiharbeit (2019: 1,4 bzw. 1,5 Prozent), für Männer gilt hingegen: Leiharbeit ist in Ostdeutschland (3,5 Prozent) etwas weiter verbreitet als in Westdeutschland (3,1 Prozent).

Zum April 2017 trat eine bedeutende Änderung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes in Kraft. Die wichtigsten Neuerungen waren: a) Die (Wieder-)Einführung einer Höchstdauer für die Überlassung an andere Betriebe von 18 Monaten und b) müssen Leiharbeitnehmer*innen nun nach spätestens 9 Monaten das gleiche Arbeitsentgelt erhalten wie Stammbeschäftigte. (4) An der Reform wird besonders kritisiert, dass immer noch viele Möglichkeiten bestehen, die Höchstüberlassungsdauer zu überschreiten. (5)

Im politischen Diskurs kommt Leiharbeit eine besondere Bedeutung zu, weil sie mit erhöhten Prekaritätsrisiken verbunden ist:

  • Leiharbeitnehmer*innen erhalten geringere Löhne als andere abhängig Beschäftigte: Gemessen an den Medianlöhnen verdienen vollzeitbeschäftigte Leiharbeitnehmer*innen 2018 durchschnittlich 42 Prozent weniger als alle Vollzeitbeschäftigten in Deutschland. (6)
  • Leiharbeit ist darüber hinaus durch eine hohe Dynamik und meist kurze Beschäftigungsdauern gekennzeichnet. (7)
  • Hinzu kommt, dass Leiharbeit als eine „Domäne der Helfertätigkeit“ gelten kann: Im Jahr 2018 war fast die Hälfte der Leiharbeitnehmer*innen als Helfer*in angestellt. (8)
  • Generell gilt auch, dass Leiharbeitnehmer*innen beim Zugang zu betrieblich-beruflicher Weiterbildung und bei der beruflichen Aufwärtsmobilität deutlich benachteiligt sind. (9)
  • Schließlich scheint Leiharbeit sogar die Partner*innenschaft zu belasten, denn nicht verheiratete Paare trennen sich deutlich häufiger, wenn ein*e Partner*in Leiharbeitnehmer*in ist. (10)

Noch nicht abschließend geklärt sind die beschäftigungspolitischen Effekte von Leiharbeit, wie etwa die Frage, ob Leiharbeit den Übergang aus Arbeitslosigkeit in Beschäftigung erleichtert und ob sie ein Sprungbrett in reguläre Beschäftigung darstellt. Eine empirische Untersuchung für das Bundesland Hessen (Zeitraum: 2000 bis 2004) bestätigt zwar, dass Zeitarbeit den Übergang aus Arbeitslosigkeit in Beschäftigung erleichtert, kann aber keinen „Sprungbretteffekt“ nachweisen. (11) Hier scheint sich durch die gesetzlichen Änderungen zur Höchstüberlassungsdauer seit April 2017 aber etwas verändert zu haben: Die Daten für die Jahre 2017 und 2018 deuten darauf hin, dass mehr Leiharbeitnehmer*innen in Beschäftigung beim Entleihbetrieb gewechselt sein könnten. (12)

Für die Beschäftigten birgt Zeitarbeit deutliche Risiken im weiteren Erwerbsverlauf: Im Vergleich zu anderen Beschäftigten sind Leiharbeitnehmer*innen einem fast fünfmal höheren Risiko von Arbeitslosigkeit ausgesetzt. Mehr als ein Drittel der Leiharbeitnehmer*innen, die „arbeitslos werden, rutschen direkt in Hartz IV, obwohl sie vorher sozialversicherungspflichtig gearbeitet haben.“ (13) Zudem deuten empirische Studien darauf hin, dass Leiharbeit zwar erheblich zum Beschäftigungsaufbau beitragen kann. „Allerdings geht etwa die Hälfte dieser flexiblen Jobs auf Kosten der Beschäftigung in anderen Sektoren.“ (14)

Weitere Informationen (Definitionen wichtiger Begriffe und methodische Anmerkungen zur Datengrundlage) sind in den Pdf-Dateien enthalten, die zum Download bereitstehen.

 

Bearbeitung: Dietmar Hobler, Svenja Pfahl, Julia Spitznagel

 

Literatur

Absenger, Nadine et al. (2016): Leiharbeit und Werkverträge – Das aktuelle Reformvorhaben der Bundesregierung, WSI-Report Nr. 32, 10/2016, https://www.boeckler.de/pdf/p_wsi_report_32_2016.pdf, letzter Zugriff: 03.08.2020. 

Bundesagentur für Arbeit (2020): Entwicklungen in der Zeitarbeit, https://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Branchen/generische-Publikationen/Arbeitsmarkt-Deutschland-Zeitarbeit-Aktuelle-Entwicklung-Abbildungen.pdf, letzter Zugriff: 03.08.2020.

Bundesagentur für Arbeit (2019): Leiharbeitnehmer und Verleihbetriebe, https://statistik.arbeitsagentur.de/Statistikdaten/Detail/201812/iiia6/beschaeftigung-anue-anue/anue-d-0-201812-xlsm.xlsm, letzter Zugriff: 03.08.2020.

Bundesagentur für Arbeit (2018): Statistik/Arbeitsmarktberichterstattung: Der Arbeitsmarkt in Deutschland – Zeitarbeit – Aktuelle Entwicklungen, Juli 2018.

Bundesagentur für Arbeit (2015a): Arbeitsmarkt in Zahlen – Arbeitnehmerüberlassung, Leiharbeitnehmer und Verleihbetriebe, 1. Halbjahr 2014. 

Bundesagentur für Arbeit (2015b): Methodenbericht – Statistik zur Arbeitnehmerüberlassung auf Basis des Meldeverfahrens zur Sozialversicherung, https://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Grundlagen/Methodik-Qualitaet/Methodenberichte/Beschaeftigungsstatistik/Generische-Publikationen/Methodenbericht-Beschaeftigungsstatistik-Statistik-zur-Arbeitnehmerueberlassung-auf-Basis-des-Meldeverfahrens-zur-Sozialversicherung.pdf, letzter Zugriff: 03.08.2020. 

DGB (2019a): Leiharbeit: Neue Trends und alte Probleme, https://www.dgb.de/themen/++co++6dec5ce4-d9f4-11e9-adfd-52540088cada, letzter Zugriff: 03.08.2020.
DGB (2019b): Risiko Leiharbeit. Wie die Beschäftigten ihre Arbeitsbedingungen bewerten, https://www.dgb.de/++co++8b192f06-f63a-11e9-a879-52540088cada, letzter Zugriff: 03.08.2020.

DGB Bundesvorstand (2015): Risiken und Reformbedarf in der Leiharbeit. In: arbeitsmarktaktuell, Nr. 8, Oktober 2015, Berlin, http://www.dgb.de/uber-uns/dgb-heute/organisation-und-bundesvorstand/++co++52c06cf2-789c-11e5-962b-52540023ef1a, letzter Zugriff: 03.08.2020.

Haller, Peter/ Jahn, Elke J. (2014): Zeitarbeit in Deutschland: Hohe Dynamik und kurze Beschäftigungsdauern, IAB-Kurzbericht 13/2014, Nürnberg, http://doku.iab.de/kurzber/2014/kb1314.pdf, letzter Zugriff: 03.08.2020. 

Hans Böckler Stiftung (2015): Leiharbeit belastet Partnerschaft. In: Böckler Impuls Nr. 11/2015, S. 5, https://www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-leiharbeit-belastet-partnerschaft-8648.htm,letzter Zugriff: 03.08.2020. 

Jahn, Elke / Weber, Enzo (2013): Zeitarbeit: Zusätzliche Jobs, aber auch Verdrängung, IAB-Kurzbericht 2/2013, Nürnberg, http://doku.iab.de/kurzber/2013/kb0213.pdf, letzter Zugriff: 03.08.2020.

Keller, Berndt /Seifert, Hartmut (2011): Atypische Beschäftigungsverhältnisse. Stand und Lücken der aktuellen Diskussion. In: WSI Mitteilungen, 3/2011, S. 138–145. 

Lepper, Timo (2015): Leiharbeit in Hessen: Ein Sprungbrett in reguläre Beschäftigung? In: Wirtschaft und Statistik, 2/2015, S. 88-97. https://www.destatis.de/DE/Methoden/WISTA-Wirtschaft-und-Statistik/2015/02/leiharbeit-hessen-022015.html, letzter Zugriff: 03.08.2020. 

Seils, Eric / Emmler, Helge (2020): Leiharbeit im regionalen Vergleich, Policy Brief WSI, Nr. 25, 01/2020, https://www.boeckler.de/de/faust-detail.htm?sync_id=8827, letzter Zugriff: 03.08.2020.

 


(1) Vgl. Agentur für Arbeit (2020): Entwicklungen in der Zeitarbeit, S. 21.

(2) Als Ursache dieses Anstiegs gelten die umfassenden Veränderungen im Zuge der Hartz-Reformen: Zum Januar 2003 wurde die zuvor geltende Begrenzung der Überlassungsdauer abgeschafft. Aufgehoben wurde auch das Verbot einer wiederholten Befristung (Synchronisationsverbot), das eine Begrenzung des Arbeitsvertrages auf die Einsatzdauer bei einem Entleihunternehmen untersagte. Zudem entfiel das Wiedereinstellungsverbot, das ausschließen sollte, dass das Zeitarbeitsunternehmen kündigt und die ehemaligen Leiharbeitnehmer*innen dann innerhalb von drei Monaten erneut einstellt. Ein knapper Überblick über die Reformen des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzt (AÜG) findet sich bei Haller, Peter / Jahn, Elke J. (2014): Zeitarbeit in Deutschland, S. 1ff.

(3) Dies liegt v. a. daran, dass Leiharbeitnehmer*innen in einigen Tätigkeitsbereichen überproportional eingesetzt werden: Ein Großteil der Leiharbeitnehmer*innen arbeitet in Produktionsberufen und in wirtschaftlichen Dienstleistungsberufen, wie Beispielsweise in Sicherheits-, Verkehrs- und Logistik- sowie Reinigungsberufen. Vgl. Agentur für Arbeit (2020): Entwicklungen in der Zeitarbeit, S. 10.

(4) A. a. O., S. 5f.

(5) Vgl. zu diesen und weiteren Kritikpunkten an der Reform: Absenger, Nadine et al. (2016): Leiharbeit und Werkverträge – Das aktuelle Reformvorhaben der Bundesregierung, sowie DGB (2019a): Leiharbeit, S. 3.

(6) Vgl. DGB (2019a): Leiharbeit, S. 9ff. Beim Vergleich der Medianlöhne – d. h. den mittleren Löhnen – ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Beschäftigtengruppen der Leiharbeitnehmer*innen und der sozialversicherungspflichtigen Arbeiter*innen wesentliche Strukturunterschiede aufweisen: Jüngere Beschäftigte und Ausländer*innen arbeiten überproportional häufig in Leiharbeit. Auch sind nicht alle Leiharbeitnehmer*innen geringqualifiziert, aber oftmals arbeiten sie unterhalb ihrer erworbenen Qualifikation (a. a. O., S. 11f.).

(7) Die Hälfte der Leiharbeitnehmer*innen verlässt das Zeitarbeitsunternehmen bereits in den ersten drei Monaten wieder. Wie Zeitreihen belegen, hat sich daran über den Zeitraum von 2000 bis 2015 kaum etwas geändert (vgl. Haller, Peter / Jahn, Elke J. (2014): Zeitarbeit in Deutschland: Hohe Dynamik und kurze Beschäftigungsdauern, S. 5ff., und Deutscher Bundestag (2017): Aktuelle Entwicklungen in der Leiharbeit in Deutschland und in Europa, Tab. 4 auf S. 16).

(8) Vgl. DGB (2019a): Leiharbeit, S. 7. Außerdem werden geflüchtete Personen zunehmend in Leiharbeitsverhältnisse vermittelt, um ihnen einen Einstieg in produktionsbezogene Berufe zu ermöglichen. Langfristig sind diese Bedingungen für eine Qualifizierung und Weiterbildung aber nicht vorteilhaft, da Verleihunternehmen Möglichkeiten zur Weiterbildung nur in Rücksprache mit Entleihbetrieben anbieten (vgl. a .a. O.).

(9) Vgl. Keller, Berndt / Seifert, Hartmut (2011): Atypische Beschäftigungsverhältnisse. Stand und Lücken der aktuellen Diskussion, S. 141f.

(10) Vgl. Hans Böckler Stiftung (2015): Leiharbeit belastet Partnerschaft, S. 5.

(11) Vgl. Lepper, Timo (2015): Leiharbeit in Hessen: Ein Sprungbrett in reguläre Beschäftigung? S. 92ff.

(12) Vgl. DGB (2019a): Leiharbeit, S. 2.

(13) Vgl. DGB Bundesvorstand (2015): Risiken und Reformbedarf in der Leiharbeit, S. 1 und S. 5ff. Vgl. dazu auch DGB (2019a): Leiharbeit, S. 14.

(14) Jahn, Elke / Weber, Enzo (2013): Zeitarbeit: Zusätzliche Jobs, aber auch Verdrängung.

 

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