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WSI GenderDatenPortal: Mitbestimmung: Frauen in Aufsichtsräten nach Anteilseigner- bzw. Arbeitnehmer:innen-Seite 2009-2020

Der Frauenanteil in deutschen Aufsichtsräten fällt im Jahr 2020 mit 32 Prozent mehr als dreimal so hoch aus wie noch 12 Jahre zuvor (2008: 9 Prozent). (1)

Dabei gilt auch 2020, dass die Mehrheit der Aufsichtsratsmitglieder von den Anteilseigner*innen ins jeweilige Gremium entsendet wird (Grafik 1): Dies trifft auf zwei Drittel der männlichen Aufsichtsratsmitglieder zu (756 von insgesamt 1.163). Aber auch bei den Frauen findet die Mehrheit der Frauen über die Anteilseigner*innen ihren Weg ins Gremium: Im Jahr 2020 sitzen 57 Prozent der weiblichen Aufsichtsratsmitglieder (308 von 544) auf der Bank der Anteilseigner*innen.

Die Betrachtung „nach Köpfen“ macht deutlich: Vor 2015 entstammte die absolute Mehrheit der weiblichen Aufsichtsratsmitglieder der Arbeitnehmer*innen-Seite, allerdings mit abnehmendem Vorsprung. Seit 2015 wird die Mehrheit der Frauen – auch in absoluten Zahlen – über die Seite der Anteilseigner*innen entsendet.

Zur Erläuterung: Anteilseigner*innen (d. h. Aktionär*innen) und Arbeitnehmer*innen entsenden in unterschiedlichem Ausmaß Frauen und Männer auf die von ihnen jeweils zu besetzenden Plätze in den Aufsichtsratsgremien. 2020 wurden nur 643 der insgesamt 1.707 Aufsichtsratspositionen in den 160 größten deutschen börsennotierten Unternehmen durch Arbeitnehmer*innen besetzt, 1.064 hingegen durch Anteilseigner*innen. Damit werden 62 Prozent aller Aufsichtsratsmitglieder durch die Anteilseigner*innen bestimmt (vgl. Tab. 1).

Der Vergleich der prozentualen Frauenanteile auf Seiten von Anteilseigner*innen und Arbeitnehmer*innen (Grafik 2) zeigt jedoch, dass auf Seite der Arbeitnehmer*innen anteilig immer noch mehr Aufsichtsratssitze mit einer Frau besetzt werden (37 Prozent) als auf Seiten der Anteilseigner*innen (29 Prozent). Für die Gleichstellung von Frauen in Aufsichtsräten bedeutet dies: Frauen haben weiterhin bessere Chancen als Arbeitsnehmer*innen-Vertretung in einen Aufsichtsrat zu gelangen.

Über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg liegen die Frauenanteile auf Seiten der Arbeitnehmer*innen stets deutlich über den Frauenanteilen auf Seiten der Anteilseigner*innen.

  • Der Frauenanteil auf Seiten der Arbeitnehmer*innen hat sich zwischen 2009 und 2020 insgesamt verdoppelt, von 19 Prozent auf 37 Prozent. Seit 2009 hat der Frauenanteil im Beobachtungszeitraum von Jahr zu Jahr zugenommen.
  • Ausgehend von einem sehr niedrigeren Niveau verlief der Anstieg der Frauenanteile auf Seiten der Anteilseigner*innen – gerade zwischen 2009 und 2014 – steiler. Bis zum Jahr 2020 hat sich der Frauenanteil hier mehr als versiebenfacht (von 4 Prozent im Jahr 2009 auf 29 Prozent im Jahr 2020).
  • Seit 2015 verharrt der Rückstand der Anteilseigener*innen-Seite allerdings konstant für alle weiteren Jahre bei 7 bis 8 Prozentpunkten gegenüber der Arbeitnehmer*innen-Seite. Der Aufholprozess der Anteilseigener*innen-Seite ist zum Erliegen gekommen.

Hintergrund: Für alle börsennotierten und paritätisch-mitbestimmten Unternehmen gilt seit 2016 eine gesetzliche Geschlechterquote von mindestens 30 Prozent im Aufsichtsrat (vgl. Glossar), was sich seit 2015/2016 begünstigend auf den Frauenanteil – zumindest in den paritätisch-mitbestimmten Aufsichtsratsgremien – ausgewirkt hat. Dies gilt vor allem für die im DAX30 gelisteten Unternehmen, da 26 der 30 dort gelisteten Unternehmen paritätisch-mitbestimmt sind (Stand: Ende 2020). Für die im MDAX und SDAX gelisteten Unternehmen ist dieser Effekt deutlich geringer, da diese deutlich seltener paritätisch-mitbestimmt sind (Ende 2020: knapp die Hälfte der MDAX-Unternehmen sowie nur ein Drittel der SDAX-Unternehmen). (2) Insgesamt gilt die verbindlich vorgeschriebene Geschlechterquote Ende 2020 somit nur für 79 paritätisch-mitbestimmte Unternehmen unter den hier betrachteten 160 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland. Auch für die anderen 81 nicht paritätisch-mitbestimmten Unternehmen (Ende 2020: 66 nicht-mitbestimmte Unternehmen sowie 15 Unternehmen mit Drittel-Beteiligung), gilt aber seit 2015 zusätzlich, wie für alle börsennotierten Unternehmen, dass sie sich selbst verbindliche Zielgrößen für eine zukünftige Erhöhung ihres Frauenanteils im Aufsichtsrat, im Vorstand sowie in den zwei höchsten betrieblichen Führungsebenen unterhalb des Vorstands setzen müssen. Nicht bei allen Unternehmen führen die Zielgrößen allerdings bisher schon zum erhofften gleichstellungspolitischen Effekt. (3)

Die Einhaltung von Geschlechterquote, aber auch von gesetzter Zielgröße im Aufsichtsratsgremium, ist Aufgabe des Gesamtgremiums. Die verstärkte Besetzung von Aufsichtsratspositionen mit Frauen hat also über beide Bänke im Gremium zu erfolgen: die der Arbeitnehmer*innen als auch die der Arbeitgeber*innen.

Eine größere Geschlechterdiversität in Aufsichtsräten ist erstrebenswert, denn sie kann dazu beitragen, die Qualität von Interaktion, Diskussionskultur und Entscheidungsfindung im Gremium zu verbessern. (4) Finden sich Frauen sowohl auf Anteilseigner*innen- (AEV) und Arbeitnehmervertreter*innen-Seite (ANV), so kann dies einen wichtigen Beitrag dazu leisten, das Klima zu verbessern und die mitunter eingefleischte Blockbildung im Gremium zu überwinden, berichten dazu befragte Aufsichtsratsmitglieder im Rahmen einer empirischen Studie: „Die Arbeitnehmerbank in diesem Aufsichtsrat ist vom Vorstand lange eher als Hindernis und Blockierer angesehen worden, man hat uns eigentlich nicht geliebt […] Auffällig ist, dass die zwei neuen Anteilseignerfrauen im Aufsichtsrat einen angenehmeren Umgang, sagen wir besseren Respekt für die Arbeitnehmervertreter haben als ihre männlichen Vorgänger […] Uns hat das genützt, weil sie offener und mehr auf Augenhöhe mit uns kommunizieren.“ (5)

Weitere Informationen (Definitionen wichtiger Begriffe und methodische Anmerkungen zur Datengrundlage) sind in den Pdf-Dateien enthalten, die zum Download bereitstehen.

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Bearbeitung: Svenja Pfahl, Dietmar Hobler

Literatur

 

Albright Stiftung gGmbH (2018): Die Macht der Monokultur. Erst wenigen Börsenunternehmen gelingt Vielfalt in der Führung, Bericht September 2018, Berlin, https://static1.squarespace.com/static/5c7e8528f4755a0bedc3f8f1/t/5c90f8f67817f7b64096a3f1/1553004801670/Allbright%2BBericht_September%2B2018_klein.pdf, letzter Zugriff 08.09.2021.

BMAS (2019): Mitbestimmung – Eine gute Sache. Alles über die Mitbestimmung und ihre rechtlichen Grundlagen, Bonn, www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/a741-mitbestimmung-ein-gutes-unternehmen.html, letzter Zugriff 08.09.2021.

Frankfurter Börse (o. J.): Börsenlexikon, www.boerse-frankfurt.de/wissen/dictionary, letzter Zugriff 08.09.2021.

Hans-Böckler-Stiftung (2021): Mitbestimmungsportal, Ressourcen & Tools für den Aufsichtsrat, https://www.mitbestimmung.de/html/aufsichtsrat-15505.html, letzter Zugriff 08.09.2021.

Hans-Böckler-Stiftung (2018): Mehr Quote wagen. In: Böckler Impuls, 04/2018, S.1, https://www.boeckler.de/data/impuls_2018_04_1.pdf, letzter Zugriff: 08.09.2021.

Hans-Böckler-Stiftung (2015): Mitbestimmungsportal, Wissen kompakt. Häufige Fragen: Geschlechterquote, https://www.mitbestimmung.de/html/fur-welche-unternehmen-gilt-die-1190.html, letzter Zugriff: 08.09.2021.

Kirsch, Anja / Wrohlich, Katharina (2021): Aufsichtsratsarbeit vieler Unternehmen profitiert von mehr Geschlechterdiversität. In: Managerinnen-Barometer, DIW-Wochenbericht Nr. 03/2021, S.36-42, www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.808778.de/21-3.pdf, letzter Zugriff 08.09.2021.

Pfahl, Svenja / Hobler, Dietmar (2021): Frauen in Aufsichtsräten nach Mitbestimmung und Börsenindex 2009-2020. In: WSI GenderDatenPortal.

Pfahl, Svenja / Hobler, Dietmar (2021): Frauen in Vorständen nach Mitbestimmung und Börsenindex 2009-2020. In: WSI GenderDatenPortal.

Weckes, Marion (2019): Strahlungsarmes „Quötchen“. Die Geschlechterverteilung in Aufsichtsrat und Vorstand 2019, Report Nr. 48, Hans-Böckler-Stiftung, Abteilung Mitbestimmungsförderung, Düsseldorf, www.boeckler.de/pdf/p_mbf_report_2019_48.pdf, letzter Zugriff 08.09.2021.

Weckes, Marion (2016): Beginnender Kulturwandel oder absehbare Stagnation bei 30%? Die Geschlechterverteilung im Aufsichtsrat der vier Leitindizes, Report Nr. 21, Hans-Böckler-Stiftung, Abteilung Mitbestimmungsförderung, Düsseldorf, www.boeckler.de/pdf/p_mbf_report_2016_21.pdf, letzter Zugriff 08.09.2021.

Weckes, Marion (2015): Geschlechterverteilung in Vorständen und Aufsichtsräten, Report Nr. 10, Hans-Böckler-Stiftung, Abteilung Mitbestimmungsförderung, Düsseldorf, www.boeckler.de/pdf/p_mbf_report_2015_10.pdf, letzter Zugriff 08.09.2021.

Weckes, Marion (2011): Geschlechterverteilung in Vorständen und Aufsichtsräten in den 160 börsennotierten Unternehmen (Dax-30, M-Dax, S-Dax, Tec Dax) zum 31. Januar 2011, Arbeitspapier, Hans-Böckler-Stiftung, Abteilung Mitbestimmungsförderung, Düsseldorf, www.boeckler.de/pdf/mbf_gender_2011.pdf, letzter Zugriff 08.09.2021.

 


(1) Vgl. Pfahl, Svenja / Hobler, Dietmar (2021): Frauen in Aufsichtsräten und Vorständen 2008-2020. In: WSI GenderDatenPortal. 

(2) Vgl. Pfahl, Svenja / Hobler, Dietmar (2021): Frauen in Aufsichtsräten und Vorständen 2008-2020. In: WSI GenderDatenPortal.

(3) Vgl. Albright Stiftung gGmbH (2018): Die Macht der Monokultur. Erst wenigen Börsenunternehmen gelingt Vielfalt in der Führung, Bericht September 2018, Berlin.

(4) Kirsch, Anja / Wrohlich, Katharina (2021): Aufsichtsratsarbeit vieler Unternehmen profitiert von mehr Geschlechterdiversität. In: Managerinnen-Barometer, DIW-Wochenbericht Nr. 03/2021, Seite 41.

(5) Vgl. Kirsch, Anja / Wrohlich, Katharina (2021): Aufsichtsratsarbeit vieler Unternehmen profitiert von mehr Geschlechterdiversität. In: Managerinnen-Barometer, DIW-Wochenbericht Nr. 03/2021, Seite 40.

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