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WSI GenderDatenPortal: Erwerbsarbeit: Minijobs als einzige Erwerbstätigkeit 2004-2020

Rund 4,4 Millionen Beschäftigte in Deutschland sind im Jahr 2020 ausschließlich geringfügig beschäftigt. Damit stellen die Minijobber*innen einen Anteil von 12 Prozent an allen Kernerwerbstätigen (Def. siehe Glossar) in Deutschland. Im Jahresdurchschnitt 2020 hat etwa jeder elfte Mann und jede sechste Frau nur einen Minijob. (1) Frauen sind also deutlich häufiger als Männer ausschließlich geringfügig beschäftigt, und stellen Frauen 2020 mit 60 Prozent immer noch den deutlich größeren Anteil an allen Minijobber*innen (vgl. Tabelle 1).

Innerhalb des Beobachtungszeitraums 2004 bis 2020 erreichte die Anzahl der Minijobber*innen im Jahr 2009 mit mehr als 5,3 Mio. ihren Höchststand (vgl. Grafik 1). Seither ist die Zahl der Minijobber*innen deutlich zurückgegangen, besonders in den Jahren nach 2014. Allerdings hatte die Corona-Pandemie im Jahr 2020 erhebliche Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt - und damit auch auf die Entwicklung der geringfügigen Beschäftigung: Die seit Jahren rückläufige Entwicklung bei der ausschließlich geringfügigen Beschäftigung wurde während der Coronakrise deutlich verstärkt. (2)

Für beide Geschlechter sind dabei gegenläufige Veränderungen festzustellen. Besonders deutlich wird dies, wenn man die Veränderung im Zeitverlauf als prozentuale Veränderung in Bezug auf das Ausgangsjahr 2004 abbildet, und diese den Veränderungen bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im gleichen Zeitraum gegenüberstellt (vgl. Grafik 4):

  • Bei den Frauen ist von 2004 bis 2008 ein Anstieg der ausschließlich geringfügigen Beschäftigung um 3 Prozentpunkte festzustellen. Seitdem hat die Zahl der Minijobberinnen aber stetig abgenommen, mit einem besonders starken Rückgang in den Jahren nach 2014. Im Vergleich zum Ausgangsjahr 2004 hat sich die Zahl der weiblichen Minijobberinnen bis zum Jahr 2020 um 21 Prozent verringert, während die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen im gleichen Zeitraum um 30 Prozent angewachsen ist.
  • Demgegenüber hat sich bei den Männern die Zahl der ausschließlich in einem Minijob Beschäftigten im Beobachtungszeitraum deutlich erhöht. Bis zum Jahr 2014 ist die Zahl der Männer mit Minijob um 11 Prozent angestiegen. In den Jahren danach bis 2020 ist sie wieder gesunken, liegt jedoch immer noch um 2 Prozentpunkte höher als im Jahr 2004. Infolge der Corona-Pandemie im Jahr 2020 ist erstmals ein ganz deutlicher Rückgang der Minijobber gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen. Im Vergleich dazu stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Männer zwischen 2004 und 2020 um 24 Prozent, im Zuge der Corona-Pandemie stagniert die Zahl jedoch erstmals im Vergleich zum Vorjahr.

Als Folge der gegenläufigen Entwicklungen bei den Frauen und Männern ist der Frauenanteil an allen ausschließlich geringfügig Beschäftigten zwischen 2004 und 2020 von 66 Prozent auf 60 Prozent gesunken (vgl. Tabelle 1). Damit bleibt die geringfügige Beschäftigung im Haupterwerb in Deutschland jedoch weiterhin stark frauendominiert.

Im regionalen Vergleich sind die Ergebnisse für Westdeutschland fast identisch mit denen für Gesamtdeutschland. Dabei liegt der Frauenanteil an den ausschließlich geringfügig Beschäftigten in Westdeutschland durchgängig um etwa einen Prozentpunkt über den Werten für Gesamtdeutschland (vgl. Tabellen 1 und 2). Für Ostdeutschland ergibt sich jedoch ein deutlich abweichendes Bild:

  • In Ostdeutschland ist die geringfügige Beschäftigung als einzige Erwerbstätigkeit zwischen 2004 und 2020 insgesamt von einem starken Rückgang geprägt: Bei den Frauen nahm sie um 30 Prozent und bei den Männern um 18 Prozent ab (vgl. Tabelle 4)
  • Auch in Ostdeutschland stellen Frauen die Mehrheit an den ausschließlich geringfügig Beschäftigten, ihr Anteil ist mit 53 Prozent im Jahr 2020 jedoch deutlich niedriger als in Westdeutschland mit 61 Prozent (vgl. Tabellen 1 und 2). Zwischen 2004 und 2020 ist der Frauenanteil an den ausschließlich geringfügig Beschäftigten in Ostdeutschland zudem weiter zurückgegangen – von 57 Prozent auf 53 Prozent (vgl. Tabelle 3).

Auch in Bezug auf den Anteil der ausschließlich geringfügig beschäftigten Frauen an allen Kernerwerbstätigen (Def. siehe Glossar) ist ein deutliches Ost-West-Gefälle festzustellen (vgl. Grafik 5): Obwohl der Anteil der geringfügig Beschäftigten bei den Frauen in West- und Ostdeutschland zwischen 2004 und 2020 stark zurückgegangen ist, haben Frauen in Westdeutschland fast durchgängig einen fast doppelt so hohen Anteil an Minijobberinnen wie Frauen in Ostdeutschland. Auch der geschlechterbezogene Abstand in Ostdeutschland fällt über den gesamten Zeitraum deutlich kleiner aus als in Westdeutschland. Im Jahr 2020 ist er in Westdeutschland mit fast 8 Prozentpunkten mehr als viermal so groß wie in Ostdeutschland (knapp 2 Prozentpunkte) (vgl. Grafik 5). Die Ursachen dafür sind der häufig höhere Erwerbsumfang ostdeutscher Frauen und die höhere Betreuungsquote von Kleinkindern in den ostdeutschen Bundesländern. (3) Diese Unterschiede sind teilweise auf das Mutterbild in der DDR zurückzuführen, denn in der Regel ging Mutterschaft in der DDR mit einer Vollzeitbeschäftigung einher, während Frauen in Westdeutschland die volle Kinderbetreuung – ohne parallele Erwerbstätigkeit – übernahmen. (4)

In der politischen Diskussion um die geringfügige Beschäftigung in Deutschland werden besonders die damit verbundenen (sozialen) Risiken kritisiert: Geringfügig Beschäftigte erhalten meist nur geringe Stundenlöhne, sind beim Zugang zu betrieblich-beruflichen Weiterbildungen deutlich benachteiligt, und laufen längerfristig Gefahr, keine existenzsichernde Rente zu erlangen. (5) Im Jahr 2015 erhielten mehr als zwei Drittel der geringfügig Beschäftigten einen Stundenlohn, der unter der Niedriglohnschwelle (10 Euro brutto) lag. Mit der Einführung des Mindestlohns ist der durchschnittliche Stundenlohn der geringfügig Beschäftigten zwar angestiegen, aber im Jahr 2015 musste sich noch jede*r zweite Minijobber*in mit einem Stundenlohn unterhalb des Mindestlohns zufriedengeben. (6) Neuere Studien bestätigen, dass Minijobber*innen immer noch ein höheres Risiko tragen, keinen Mindestlohn zu erhalten. (7)

Bei der Interpretation der Risiken, die mit einem Minijob als einziger Erwerbstätigkeit einhergehen, ist zu beachten, dass es sich dabei größtenteils um vier sehr unterschiedliche Personengruppen handelt: Neben Arbeitslosen (11 Prozent) und Rentner*innen (22 Prozent) sowie Schüler*innen und Studierenden (20 Prozent) stellen die Hausfrauen und Hausmänner mit 35 Prozent den größten Anteil an der Gruppe. Während die Geschlechterverteilung bei drei dieser Statusgruppen weitgehend ausgeglichen ist, stellen Frauen mehr als 97 Prozent der Statusgruppe Hausfrauen/Hausmänner. (8) Auf das Jahr 2016 bezogen, übten in Deutschland allein 1,7 Mio. Hausfrauen einen Minijob als einzige Erwerbstätigkeit aus. Hausfrauen (und Hausmänner) leben besonders häufig in Mehrpersonenhaushalten. Mehr als die Hälfte von ihnen benötigt das verdiente Geld, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Dennoch wollen die meisten Hausfrauen/Hausmänner mit Minijob die eigenen Arbeitszeiten nicht (über den Minijob hinaus) ausweiten, wegen der von ihnen geleisteten Betreuung von Kindern oder der Pflege von Angehörigen. (9)

Bei der Entscheidung der Frauen für einen Minijob – und gleichzeitiger Vollzeittätigkeit des/der Partners*in – handelt es sich nur scheinbar um eine „freie“ Wahl. Oftmals stecken dahinter strukturelle Zwänge, wie fehlende Möglichkeiten zur Kinderbetreuung und mangelndes Familienbewusstsein in den Unternehmen. Die auf Paarebene gewählte Lösung birgt dabei vor allem Risiken für Frauen. Diese sind finanziell stärker abhängig von dem/der Partner*in, und damit im Fall einer Trennung unzureichend abgesichert. (10) Minijobs stellen für Frauen damit oftmals eine im Lebensverlauf riskante Beschäftigungsform dar, die mit einem hohen Verarmungsrisiko einhergeht. (11)

Auf Basis vorliegender Forschungsergebnisse gelangen Forscherinnen daher zu dem Fazit: Der gesetzliche Sonderstatus der Minijobs ist „faktisch ein institutionelles Hindernis auf dem Weg zur Gleichverteilung von Erwerbschancen von Frauen und Männern und blockiert (…) den notwendigen Ausbau der eigenständigen Sicherung, vor allem der Alterssicherung von Frauen.“ (12)

Weitere Informationen (Definitionen wichtiger Begriffe und methodische Anmerkungen zur Datengrundlage) sind in den Pdf-Dateien enthalten, die zum Download bereitstehen.

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Bearbeitung: Dietmar Hobler, Svenja Pfahl, Eugen Unrau



Literatur

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Gerlach, Irene /Ahrens, Regina / Laß, Inga / Heddendorp, Hennig (2015): Die Bedeutung atypischer Beschäftigung für zentrale Lebensbereiche. Policy Brief, Münster, https://www.ffp.de/files/dokumente/2015/20150625_Policy_Brief_Projekt%202013-633-3.pdf, letzter Zugriff: 12.10.2021.

Hans-Böckler-Stiftung (2021): Coronakrise: Weniger Minijobs. Böckler Impuls, Ausgabe 12/2021, S.7, https://www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-coronakrise-weniger-minijobs-34118.htm, letzter Zugriff 12.10.2021

Hobler, Dietmar / Pfahl, Svenja / Unrau, Eugen (2021): Minijobs als Nebentätigkeit 2004–2020. In: WSI GenderDatenPortal.

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Keller, Berndt / Seifert, Hartmut (2011): Atypische Beschäftigungsverhältnisse. Stand und Lücken der aktuellen Diskussion. In: WSI Mitteilungen, 3/2011, S. 138–145, https://www.wsi.de/de/wsi-mitteilungen-atypische-beschaeftigungsverhaeltnisse-stand-und-luecken-der-aktuellen-diskussion-12667.htm, letzter Zugriff: 12.10.2021.

Klenner, Christina / Schmidt, Tanja (2012): Minijobs – Eine riskante Beschäftigungsform beim normativen Übergang zum „Adult-Worker-Modell“. In: WSI Mitteilungen, 1/2012, S. 22–31, https://www.wsi.de/de/wsi-mitteilungen-minijobs-eine-riskante-beschaeftigungsform-beim-normativen-uebergang-zum-adult-worker-12927.htm, letzter Zugriff: 12.10.2021.

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Pusch, Toralf (2018): Bilanz des Mindestlohns: Deutliche Lohnerhöhungen, verringerte Armut, aber auch viele Umgehungen, WSI Policy Brief 01/2018, https://www.boeckler.de/pdf/p_wsi_pb_19_2018.pdf, letzter Zugriff: 12.10.2021.

Pusch, Toralf / Seifert, Hartmut (2017): Mindestlohngesetz – Für viele Minijobber weiterhin nur Minilöhne, WSI Policy Brief 01/2017. https://www.boeckler.de/pdf/p_wsi_pb_9_2017.pdf, letzter Zugriff: 12.10.2021.

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Statistik der Bundesagentur für Arbeit (2020): Statistik der sozialversicherungspflichtigen und geringfügigen Beschäftigung, Version 7.11, Grundlagen: Qualitätsbericht, Nürnberg, https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Statischer-Content/Grundlagen/Methodik-Qualitaet/Qualitaetsberichte/Generische-Publikationen/Qualitaetsbericht-Statistik-Beschaeftigung.pdf?__blob=publicationFile, letzter Zugriff: 12.10.2021.

Statistik der Bundesagentur für Arbeit (2015): Methodenbericht. Beschäftigungsstatistik Revision 2014, zweite überarbeitete Fassung, Nürnberg, https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Statischer-Content/Grundlagen/Methodik-Qualitaet/Methodenberichte/Beschaeftigungsstatistik/Generische-Publikationen/Methodenbericht-Beschaeftigungsstatistik-Revision-2014.pdf?__blob=publicationFile, letzter Zugriff 12.10.2021.

Voss, Dorothea / Weinkopf, Claudia (2012): Niedriglohnfalle Minijob. In: WSI Mitteilungen, 1/2012, S. 5–12.

Wagner, Alexandra / Klenner, Christina / Sopp, Peter (2017): Alterseinkommen von Frauen und Männern. Neue Auswertungen aus dem WSI GenderDatenPortal, WSI-Report, 38/2017.Wenzel, Stefanie (2012): Konvergenz oder Divergenz? Einstellungen zur Erwerbstätigkeit von Müttern in Ost- und Westdeutschland. In: Gender, Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, Heft 3, S. 59–76.


(1) Minijobs können auch als Nebentätigkeit neben einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung ausgeübt werden. Im Jahr 2020 betraf dies fast drei Mio. abhängig Beschäftigte in Deutschland. Vgl. dazu: Hobler, Dietmar / Pfahl, Svenja / Unrau, Eugen (2021): Minijobs als Nebentätigkeit 2004–2020.

(2) Vgl. Hans-Böckler-Stiftung (2021): Coronakrise: Weniger Minijobs. Böckler Impuls, Ausgabe 12/2021, S.7

(3) Neben den nachwirkenden Frauenbildern in Ost- und Westdeutschland muss auch beachtet werden, dass die Betreuungsquoten in Ostdeutschland nach wie vor höher sind als in Westdeutschland, wodurch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen in Westdeutschland schwieriger ist. So lag die Betreuungsquote 2017 in westdeutschen Bundesländern bei fast 29,4 Prozent und in Ostdeutschland bei 51,5 Prozent. Vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder (2019): Kindertagesbetreuung regional 2018, S. 7.

(4) Wenzel, Stefanie (2012): Konvergenz oder Divergenz? Einstellungen zur Erwerbstätigkeit von Müttern in Ost- und Westdeutschland, S. 59–76.

(5) Vgl. Keller, Berndt / Seifert, Hartmut (2011): Atypische Beschäftigungsverhältnisse, S. 141f. Aus der bisherigen Forschung lassen sich bisher auch keine Belege finden, dass geringfügige Beschäftigungen den Übergang aus Arbeitslosigkeit in Beschäftigung oder den Übergang in ein Normalarbeitsverhältnis begünstigen. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass ein Minijob zumeist von vornherein als Zusatzverdienst im Haushaltskontext angelegt ist. Vgl. Hohendanner, Christian / Walwei, Ulrich (2013): Arbeitsmarkteffekte atypischer Beschäftigung, S. 242f.

(6) Vgl. Pusch, Toralf / Seifert, Hartmut (2017): Mindestlohngesetz – Für viele Minijobber weiterhin nur Minilöhne, S. 3, 6.

(7) Vgl. Pusch, Toralf (2018): Bilanz des Mindestlohns: Deutliche Lohnerhöhungen, verringerte Armut, aber auch viele Umgehungen.

(8) Vgl. Körner, Thomas / Meinken, Holger / Puch, Katharina (2013): Wer sind die ausschließlich geringfügig Beschäftigten? Eine Analyse nach sozialer Lebenslage, S. 46, 50.

(9) A. a. O., S. 53f., 56ff.

(10) Vgl. Gerlach, Irene / Ahrens, Regina / Laß, Inga / Heddendorp, Hennig (2015): Die Bedeutung atypischer Beschäftigung für zentrale Lebensbereiche. Policy Brief, S. 4.

(11) Vgl. Klenner, Christina / Schmidt, Tanja (2012): Minijobs – Eine riskante Beschäftigungsform beim normativen Übergang zum „Adult-Worker-Modell“. Daraus ergibt sich ebenso ein höheres Risiko für Altersarmut für Frauen. Vgl. Wagner, Alexandra / Klenner, Christina / Sopp, Peter (2017): Alterseinkommen von Frauen und Männern. Neue Auswertungen aus dem WSI GenderDatenPortal, S. 9ff.

(12) Vgl. Voss, Dorothea / Weinkopf, Claudia (2012): Niedriglohnfalle Minijob, S. 11.

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