Kärcher, Anneliese / Walser, Manfred : Verfassungsrechtliche Aspekte eines Direktanstellungsgebots. Zur Übertragbarkeit des Instruments auf andere Branchen
DOI: 10.5771/0342-300X-2026-5-379
Seiten 379-386
Zusammenfassung
Dieser Aufsatz untersucht das Direktanstellungsgebot, das 2020 mit dem Arbeitsschutzkontrollgesetz (ASKG) in der Fleischwirtschaft eingeführt wurde. Er skizziert zunächst die Kernelemente des ASKG und ordnet das Direktanstellungsgebot in der Fleischindustrie sodann – unter Bezugnahme auf den Beschluss des Bundesverfassungsgerichts von Anfang 2026 zur Verfassungskonformität des Werkvertragsverbotes in der Fleischindustrie – ein. Ausgehend davon wird geprüft, unter welchen Voraussetzungen ein Direktanstellungsgebot in anderen Branchen zulässig sein kann. In Betracht kommt es dort, wo Arbeit im Kernbereich der Tätigkeit in erheblichem Umfang fremdvergeben wird und unklare rechtliche Verantwortlichkeiten Rechtsverstöße und Durchsetzungsdefizite begünstigen. Weitere Kriterien betreffen unter anderem die Schutzbedürftigkeit der Beschäftigten, die begrenzte Wirksamkeit kollektiver Schutzmechanismen und das Fehlen milderer, gleich wirksamer Mittel. Erforderlich ist also eine Einzelfallbetrachtung der spezifischen Branchenumstände. Exemplarisch werden diese Kriterien am Beispiel der Paketzustellung auf der „letzten Meile“ erprobt. Im Ergebnis wird die Verfassungskonformität des Direktanstellungsgebot dort bejaht.
Schlagworte: Arbeitsrecht, Prekarität, betriebliche Mitbestimmung, EU-Recht, Verfassungsrecht
Abstract
This paper examines the “direct employment obligation”, which was introduced in the meat industry in 2020 by the German Occupational Safety and Health Inspection Act (Arbeitsschutzkontrollgesetz). It first outlines the key elements of the act and then contextualises the requirement for direct employment in the meat industry, referring to the Federal Constitutional Court’s (Bundesverfassungsgericht) ruling of 2026 on the constitutionality of the ban on work contracts for services in the meat industry. On this basis, it examines the conditions under which a direct employment obligation may be permissible in other sectors. This is relevant where a significant proportion of work in the core area of activity is outsourced and unclear legal responsibilities encourage legal violations and enforcement shortcomings. Further criteria relate, among other things, to the vulnerability of workers, the limited effectiveness of collective protection mechanisms, and the absence of less restrictive yet equally effective measures. A case-by-case assessment of the specific circumstances of the sector is therefore required. These criteria are tested using the example of “last-mile” parcel delivery. The conclusion is that the constitutionality of the requirement for direct employment is affirmed in this context.