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WSI GenderDatenPortal: Zeit: Abhängig beschäftigte Männer nach Arbeitszeitgruppen 1991–2018

Die Entwicklung der Arbeitszeiten innerhalb des Beobachtungszeitraums (1991 bis 2018) von abhängig beschäftigten Männern in Deutschland ist von zwei deutlichen Tendenzen gekennzeichnet: Einerseits arbeiten Männer zunehmend in langer Vollzeit, gleichzeitig sind immer mehr Männer teilzeitbeschäftigt. Dementsprechend haben sich bei den Männern die relativen Anteile der einzelnen Arbeitszeitgruppen zueinander deutlich verschoben:

  • Bei den überlangen Arbeitszeiten von 55 und mehr Stunden ist – trotz eines zwischenzeitlichen Anstiegs – über den gesamten Beobachtungszeitraum ein leichter Rückgang zu verzeichnen.
  • Deutlich an Bedeutung gewonnen haben lange Arbeitszeiten von 41 oder mehr Wochenstunden: Im Jahr 1991 arbeitete jeder siebte Mann wöchentlich mindestens 41 Stunden, im Jahr 2018 jeder Sechste.
  • Stark angestiegen ist auch der Anteil der Männer mit einer 40-Stunden-Woche: 1991 arbeitete nur ein knappes Drittel der Männer in dieser Gruppe, im Jahr 2018 sind es 47 Prozent.
  • Demgegenüber hat die Bedeutung der Arbeitszeitgruppe 36 bis 39 Wochenstunden stark abgenommen: Im Jahr 1991 arbeitete noch mehr als die Hälfte der Männer in dieser ehemals wichtigsten Arbeitszeitgruppe, im Jahr 2018 jedoch nicht einmal mehr jeder fünfte Mann. Diese Arbeitszeitgruppe der gemäßigten Vollzeit ist die „große Verliererin“ bei den Männern – genauso wie bei den Frauen (1).

Während sich bei der Vollzeit eine Zunahme zu langen Arbeitszeiten feststellen lässt, hat sich auch der Anteil der Männer unterhalb von Vollzeit stark erhöht:

  • Besonders die vollzeitnahe Teilzeit mit 32 bis 35 Wochenstunden nimmt unter den Männern insgesamt zu (2): Im Zusammenhang mit Tarifabschlüssen zur Einführung der 35-Stunden-Woche ist der Anteil der Männer in dieser Arbeitszeitgruppe seit Mitte der 1990er Jahre sprunghaft angestiegen. 1991 war nicht einmal 1 Prozent der Männer in diesem Umfang tätig, 2003 waren es dagegen schon fast 9 Prozent. Allerdings ist der Anteil in den nachfolgenden Jahren wieder leicht zurückgegangen, im Jahr 2018 liegt er bei 6 Prozent.
  • Auch die Teilzeitarbeit bis maximal 31 Wochenstunden hat für Männer an Bedeutung gewonnen: Nur 2 Prozent der Männer arbeiteten 1991 weniger als 32 Wochenstunden, im Jahr 2018 sind es fast 11 Prozent. Der Anteil der Männer in geringfügiger bis substantieller Teilzeit hat sich damit zwischen 1991 und 2018 verfünffacht.

Im regionalen Vergleich lassen sich für die Männer in West- und Ostdeutschland – bei allen Unterschieden – auch Tendenzen einer Angleichung erkennen:

  • In Westdeutschland ist der Anteil der Männer in gemäßigter Vollzeit (36 bis 39 Stunden pro Woche) seit 1991 von fast zwei Drittel auf nur noch ein Fünftel in 2018 zurückgegangen, während er in Ostdeutschland von 2 Prozent auf 13 Prozent deutlich angestiegen ist.
  • In Westdeutschland hat sich der Anteil an Männern mit 40 Wochenstunden verdoppelt (von 22 Prozent auf 44 Prozent), in Ostdeutschland hat er hingegen stark abgenommen (von 73 Prozent auf 59 Prozent). Der immer noch höhere Anteil in Ostdeutschland ist v.a. darauf zurückzuführen, dass dort tarifvertragliche Wochenarbeitszeiten von 40 oder mehr Stunden weiter verbreitet sind als in Westdeutschland. (3)

Die deutliche Tendenz zu langen und überlangen Arbeitszeiten dürfte sogar noch stärker ausgeprägt sein als die hier präsentierten Befunde zu den „normalerweise geleisteten Arbeitszeiten“ es nahelegen: Studien auf Basis der tatsächlich geleisteten Arbeitszeiten von Beschäftigten gelangen zu dem Ergebnis, dass mehr als ein Drittel der vollzeitbeschäftigten Männer in Deutschland überlange Arbeitszeiten mit 45 Wochenstunden und mehr haben. (4) Überlange Arbeitszeit treten überdurchschnittlich häufig bei Beschäftigten in Führungspositionen auf – und damit bei Männern häufiger als Frauen. (5) Kritisch zu bewerten ist daran, dass überlange Arbeitszeiten höhere psychische Belastungen mit sich bringen, und insgesamt häufiger zu Lasten familiärer und sozialer Aktivitäten gehen. (6) Zudem entsprechen die überlangen Arbeitszeiten häufig nicht den Wünschen der Männer, Mit der Dauer der tatsächlichen Arbeitszeiten steigt unter Männern auch der Wunsch nach einer Kürzung der Arbeitszeit stark an. (7)

Auch bei der Zunahme von Teilzeit unter Männer erweist sich der Vergleich der differenzierten Arbeitszeitgruppen als erkenntnisfördernd: Der Anstieg der Teilzeit mit geringem Stundenvolumen (unter 15 Wochenstunden) dürfte vor allem auf Männer zurückzuführen sein, die parallel zu ihrer Ausbildungsphase oder nach ihrer Verrentung einer geringfügigen Beschäftigung nachgehen. (8)

Unter Gleichstellungsgesichtspunkten ist die Zunahme im Bereich der substantiellen Teilzeit (21 bis 31 Stunden) und der vollzeitnahen Teilzeit (32 bis 35 Stunden) besonders interessant: Zu beachten ist, dass der Zuwachs dieser Teilzeitgruppen unter Männern viel höher ausfällt als unter Frauen – wenngleich auf sehr viel niedrigerem Niveau. Der aktuelle Bedarf von Männern nach Teilzeit in diesem Zeitumfang ist aber noch größer, wie aktuelle Ergebnisse zu Arbeitszeitwünschen von Männern zeigen. (9)

 

Bearbeitung: Dietmar Hobler, Svenja Pfahl, Esther Mader

 

Literatur


Absenger, Nadine / Ahlers, Elke / Bispinck, Reinhard / Kleinknecht, Alfred / Klenner, Christina / Lott, Yvonne / Pusch, Toralf / Seifert, Hartmut (2014): Arbeitszeiten in Deutschland. Entwicklungstendenzen und Herausforderungen für eine moderne Arbeitszeitpolitik, WSI Report Nr. 19. https://www.boeckler.de/pdf/p_wsi_report_19_2014.pdf, letzter Zugriff: 14.01.2020.

DGB-Index Gute Arbeit (2016): Arbeiten ohne Ende. Wie verbreitet sind überlange Arbeitszeiten? DGB-Index Gute Arbeit kompakt 01/2016. http://index-gute-arbeit.dgb.de/++co++b877f100-c4c8-11e5-94ef-52540023ef1a, letzter Zugriff: 14.01.2020.

Hobler, Dietmar / Pfahl, Svenja / Spitznagel, Julia (2020a): Abhängig beschäftigte Frauen nach Arbeitszeitgruppen 1991–2018. In: WSI GenderDatenPortal.

Pfahl, Svenja / Hobler, Dietmar / Spitznagel, Julia (2020b): Betriebliche Führungspositionen nach Führungsebene 2004-2018. In: WSI GenderDatenPortal.

Hobler, Dietmar / Pfahl, Svenja / Horvath, Sandra (2018): Erwerbsumfang nach Alter 2015. In: WSI GenderDatenPortal.

Hobler, Dietmar / Pfahl, Svenja / Horvath, Sandra (2017): Gewünschte Arbeitszeiten abhängig Beschäftigter 2015. In: WSI GenderDatenPortal.

Hobler, Dietmar / Pfahl, Svenja / Rauschnick, Laura (2016): Arbeitszeit. Quantitative Ergebnisse für Deutschland. Expertise für die Kommission „Zukunft der Arbeit“, https://www.boeckler.de/109172.htm, letzter Zugriff: 14.01.2020.

Klenner, Christina / Lott, Yvonne (2016): Arbeitszeitoptionen im Lebensverlauf. Bedingungen und Barrieren ihrer Nutzung im Betrieb. Kurzfassung der Ergebnisse, Working Paper der Hans-Böckler-Stiftung, Nr.203, https://www.boeckler.de/pdf/p_wsi_wp_203.pdf, letzter Zugriff:14.01.2020.

Statistisches Bundesamt (2017): Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Erwerbsbeteiligung der Bevölkerung. Ergebnisse des Mikrozensus zum Arbeitsmarkt 2016, Fachserie 1 Reihe 4.1., https://www.destatis.de/GPStatistik/receive/DESerie_serie_00003420, letzter Zugriff:14.01.2020.

Statistisches Bundesamt (2016): Mikrozensus. Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Stand und Entwicklung der Erwerbstätigkeit in Deutschland, Fachserie 1 Reihe 4.1.1.

Statistisches Bundesamt (2006): Mikrozensus. Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Stand und Entwicklung der Erwerbstätigkeit in Deutschland, Fachserie 1 Reihe 4.1.1, Band 1: Allgemeine und methodische Erläuterungen, https://www.destatis.de/GPStatistik/servlets/MCRFileNodeServlet/DEHeft_derivate_00004012/2010411067004.pdf, letzter Zugriff: 14.01.2020.

 


(1) Vgl. Hobler, Dietmar / Pfahl, Svenja / Spitznagel, Julia (2020a): Abhängig beschäftigte Frauen nach Arbeitszeitgruppen 1991–2018. In: WSI GenderDatenPortal.

(2) Ab dem Jahr 1999 wurde diese Arbeitszeitgruppe von bis dahin 31 bis 35 Stunden auf 32 bis 35 Stunden verkleinert (siehe dazu auch die methodischen Anmerkungen). Diese Änderung hat sich allerdings nicht auf die Gruppengröße ausgewirkt, wie der direkte Vergleich der Ergebnisse für die Jahre 1998 und 1999 zeigt.

(3) Im Jahr 2013 hatten 38 Prozent der Beschäftigten in Ostdeutschland, aber nur 9 Prozent der Beschäftigten in Westdeutschland eine tarifvertragliche Arbeitszeit von 40 oder mehr Wochenstunden (vgl. Absenger, Nadine et al. (2014): Arbeitszeiten in Deutschland. Entwicklungstendenzen und Herausforderungen für eine moderne Arbeitszeitpolitik, WSI Report Nr. 19, S. 14).

(4) Vgl. DGB-Index Gute Arbeit (2016): Arbeiten ohne Ende. Wie verbreitet sind überlange Arbeitszeiten? DGB-Index Gute Arbeit kompakt 01/2016.

(5) Vgl. Pfahl, Svenja / Hobler, Dietmar / Spitznagel, Julia (2020b): Betriebliche Führungspositionen nach Führungsebene 2004-2018. In: WSI GenderDatenPortal.

(6) Im Vergleich zu Beschäftigten mit „normaler“ Vollzeit (35 bis 44 Wochenstunden) geben Beschäftigte mit überlangen Arbeitszeiten (45 Wochenstunden und mehr) deutlich häufiger an, dass Familie und Freunde zu kurz kommen. Bei ihnen trifft auch häufiger zu, dass sie sich ihre Pausenzeiten verkürzen, Arbeit mit nach Hause nehmen, und dass sie nicht richtig abschalten können (vgl. DGB-Index Gute Arbeit (2016): Arbeiten ohne Ende. DGB-Index Gute Arbeit kompakt 01/2016, S. 6).

(7) Vgl. Hobler, Dietmar / Pfahl, Svenja / Horvath, Sandra (2017): Gewünschte Arbeitszeiten abhängig Beschäftigter 2015. In: WSI GenderDatenPortal.

(8) In diese Richtung deutet der höhere Anteil an geringfügiger Beschäftigung unter jüngeren und älteren Männern hin (vgl. Hobler, Dietmar / Pfahl, Svenja / Horvath, Sandra (2018): Erwerbsumfang nach Alter 2015. In: WSI GenderDatenPortal).

(9) Im Jahr 2015 wünschen sich 14 Prozent der abhängig beschäftigten Männer eine Arbeitszeit zwischen 21 und 34 Stunden (vgl. Hobler, Dietmar / Pfahl, Svenja / Horvath, Sandra (2017): Gewünschte Arbeitszeiten abhängig Beschäftigter 2015. In: WSI GenderDatenPortal).

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