Systemrelevant Podcast: Demokratie braucht Verlässlichkeit
Wo beginnt Vertrauen in die Demokratie? Dorothee Spannagel und Jan Brülle zeigen, dass Vertrauen in die Demokratie nicht allein von politischen Einstellungen abhängt – sondern ebenso von Einkommen, materieller Teilhabe und der Sicherheit, das eigene Leben verlässlich planen zu können.
[17.06.2026]
Warum vertrauen manche Menschen der Demokratie – und andere immer weniger? Die Antwort liegt nicht nur in politischer Haltung oder gesellschaftlicher Stimmung. Sie beginnt oft früher: beim Einkommen und bei der Frage, ob das eigene Leben planbar bleibt. Genau hier setzt eine Studie von WSI-Verteilungsexpertin Dorothee Spannagel und Jan Brülle vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung an, die sie gemeinsam mit Marco Herack in dieser Folge vorstellen.
Ausgangspunkt war die Beobachtung aus früheren Verteilungsberichten des WSI, dass Ungleichheit und Armut Folgen für den demokratischen Zusammenhalt haben. Spannagel sagt, Einkommen präge subjektive und objektive Lebensbedingungen. Wer mehr hat, könne eher den Eindruck gewinnen, dass Politik für die eigenen Interessen funktioniert.
Das Jahr 2021 war laut Wissenschaftler*innen kein zufälliger Ausgangspunkt: Brülle verweist darauf, dass dieser Datensatz ungewöhnlich viele Informationen zu Politikvertrauen, Wertschätzung und Zufriedenheit enthält. Ziel war nicht nur, Zusammenhänge zu beschreiben, sondern zu verstehen, warum unterschiedliche Einkommensgruppen Politik unterschiedlich bewerten.
Der Befund ist eindeutig: Mit steigendem Einkommen wächst im Durchschnitt auch das Vertrauen in demokratische Institutionen. Dieser Zusammenhang bleibt bestehen, selbst wenn Bildung, Erwerbsstatus oder Wohnort berücksichtigt werden. Brülle betont, dass sich der Effekt auch unter Kontrolle vieler weiterer Faktoren zeigt.
Doch Geld allein erklärt nicht alles. Entscheidend ist, wie Menschen ihre wirtschaftliche Lage erleben. Die Zufriedenheit mit dem Haushaltseinkommen erklärt einen großen Teil des Zusammenhangs zwischen Einkommen und politischem Vertrauen. Spannagel ergänzt: Dieser Effekt gilt unabhängig davon, ob Menschen wenig oder viel verdienen.
Für Menschen mit niedrigen Einkommen wird ein weiterer Punkt wichtig: materielle Teilhabe. Brülle beschreibt materielle Deprivation als die Erfahrung, sich Dinge nicht leisten zu können, die gesellschaftlich als normal gelten – etwa Heizen oder Urlaub. Spannagel leitet daraus eine politische Konsequenz ab: Materielle Deprivation müsse dauerhaft verringert werden, weil dadurch Vertrauen wachsen könne.
Für die Mitte der Gesellschaft rückt dagegen finanzielle Unsicherheit stärker in den Vordergrund. Die Sorge, den eigenen Lebensstandard künftig nicht halten zu können, wirkt auf das Vertrauen in Politik. Anerkennung im Alltag spielte dagegen überraschend kaum eine Rolle.
Am Ende der Folge steht fest: Vertrauen entsteht nicht über Nacht. Spannagel sagt, wer verlorenes Vertrauen in die Demokratie zurückgewinnen will, braucht nachhaltige Maßnahmen und langen Atem – nicht nur eine gute Legislaturperiode.
Moderation: Marco Herack
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In Systemrelevant analysieren führende Wissenschaftler:innen der Hans-Böckler-Stiftung gemeinsam mit Moderator Marco Herack, was Politik und Wirtschaft bewegt: makroökonomische Zusammenhänge, ökologische und soziale Herausforderungen und die Bedingungen einer gerechten und mitbestimmten Arbeitswelt – klar verständlich und immer am Puls der politischen Debatten.
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