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Frauen auf einer Fridays for Future Demo

Rahel Weier/Miriam Rehm/Neva Löw, 29.01.2026: Wie Gendereinstellungen Klimasorgen prägen

Frauen sorgen sich um die Klimakrise häufiger als Männer. Traditionelle Gendereinstellungen von Männern senken die Wahrscheinlichkeit der Besorgnis um das Klima. Das Konzept der "hegemonialen Männlichkeit" erklärt diesen Gender Gap.

Frauen machen sich häufiger Sorgen um die Klimakrise als Männer – dieser Gender Gap wird in den Daten deutlich. Dass konservative politische Einstellungen Klimasorgen verringern, ist bereits bekannt; unsere Analysen zeigen jedoch einen zusätzlichen Effekt: Auch traditionelle Wertvorstellungen zu Geschlechterrollen senken unter Männern die Wahrscheinlichkeit, sich um den Klimawandel zu sorgen. Dieser Zusammenhang lässt sich mit dem Konzept der hegemonialen Männlichkeit erklären, das auf Kontrolle, Technikfixierung und der Beherrschung der Natur beruht – und damit auch Raum für autoritäre Bewegungen schafft, denen durch Solidarität und eine Neuausrichtung unseres Wirtschaftssystems begegnet werden kann.

Männlichkeitsvorstellungen und Machtverhältnisse

Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit, ursprünglich formuliert von Raewyn Connell (1990), betont die gesellschaftliche Verknüpfung von Männlichkeitsvorstellungen und Macht. Der Begriff wurde in den 1980er Jahren geprägt und unterliegt seitdem vielfältigen Kritiken und Weiterentwicklungen (siehe dazu Connell/Messerschmidt 2005): So wird eine Diversität an Männlichkeiten und auch die Veränderungen von hegemonialen Vorstellungen von Männlichkeiten wissenschaftlich diskutiert, sowie eine essentialistische Vorstellung von Männlichkeit als problematisch angesehen. Dennoch hat die grundlegende Annahme von Männlichkeitsvorstellungen als Machtverhältnis, das allerdings immer auch umkämpft ist, weiterhin große Ausstrahlungskraft und wird im Folgenden nur kurz angerissen. 

Connell definiert es als jene Form von performativer Männlichkeit, die gesellschaftlich als legitim gilt und genau den Menschen gesellschaftliche Deutungshoheit und vorrangigen Machtzugang sichert, die den akzeptierten Mustern von Männlichkeit beziehungsweise Geschlechterrollen entsprechen. Dabei beschreibt hegemoniale Männlichkeit nicht einzelne, tatsächlich existierende Männer oder Frauen, sondern das Modell drückt weit verbreitete Ideale, Fantasien und Wünsche aus (Connell/Messerschmidt 2005). So wird eine soziale Ordnung strukturiert: Bestimmte Eigenschaften – wie Rationalität, Unabhängigkeit, Technikfixierung oder der Zugriff auf Natur und andere Menschen – werden mit einer Vorstellung von „Männlichkeit“ verbunden und höher bewertet als nicht-männlich beziehungsweise weiblich konnotierte Eigenschaften wie Fürsorge, Verletzlichkeit oder Kooperation. Dieses Ideal wandelt sich zwar historisch und kulturell, prägt aber bis heute, wie wir über Politik, Wirtschaft, und eben auch über die Klimakrise sprechen (Pearse 2017).

Vorstellbar wird dies mit Blick auf die autoritäre Bewegung beispielsweise in den USA, wo eine spezifische Form der Hypermaskulinität auf einem „fossil getränkten“ (New Daggett 2023: 12) Lebensstil und auf Misogynie beruht. Cara New Daggett bezeichnet das als „Petromaskulinismus“. Damit verbunden ist die aktive Ablehnung des Klimawandels und eine aktive Forderung nach einem Lebensstil, der auf fossilen Brennstoffen beruht.

Öko-feministische Ansätze weisen schon seit Jahrzehnten auf die Verschränkung der Produktivkraftentwicklung und des patriarchalen und kolonialen Projekts hin (Barca 2014, Suva/Mies 2014). So zeigen zwar empirische Studien, dass gerade wohlhabende Männer überdurchschnittlich viel zur Klimakrise beitragen: durch zu hohen Fleischkonsum, energieintensive Lebensweisen und häufiges Reisen (Räty/Carlsson-Kanyama 2010). Doch es geht hierbei nicht um individuelle Schuldzuweisungen, sondern um die Strukturen eines patriarchalen Machtsystems, das oft unsichtbar bleibt, weil es als „normal“ wahrgenommen wird. Die Klimakrise ist das Ergebnis fossiler Industrialisierung, Kolonialismus und eines Wirtschaftssystems, das auf Wachstum und Ausbeutung setzt (Merchant 1989. Hegemoniale Männlichkeit ist eng mit diesem System verflochten: Sie verbindet Vorstellungen von Stärke, Kontrolle und technischer Überlegenheit mit dem Anspruch, Natur zu beherrschen (Pease 2019).

Außerdem wirkt hegemoniale Männlichkeit über verschiedene Kanäle auf Klimasorgen. Erstens werden Klimaschutz und Fürsorge kulturell oft als „weiblich“ markiert (Brough u. a. 2016); wer an traditionellen Männlichkeitsbildern festhält, distanziert sich eher von diesen Themen. Zweitens spielen systemrechtfertigende Tendenzen eine Rolle: Traditionelle Geschlechterrollen sind häufig mit dem konservativen Wunsch verknüpft, bestehende Machtstrukturen zu bewahren. Klimapolitik, die Veränderungen erfordert, wird dadurch eher als Bedrohung wahrgenommen und abgelehnt (McCright/Dunlap 2011). Drittens zeigt Forschung, dass hierarchische Wertvorstellungen pro-Umwelt-Einstellungen schwächen. Dieser Zusammenhang besteht unabhängig von Geschlecht, wobei Männer häufiger hierarchische Wertvorstellungen vertreten (Lewis/Palm/Feng 2019).

Der Gender Gap bei Klimasorgen

Wir haben mit Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus dem Jahr 2019 untersucht, ob sich die wahrgenommene Dringlichkeit der Klimakrise nach Geschlechtern unterscheidet. Konkret haben wir die Frage gestellt: Ist die geringere Klimawandelsorge unter Männern auch in deren stärkerer Zustimmung zu traditionellen Männlichkeitsvorstellungen begründet? Klimasorgen sind deswegen relevant, weil sie nicht nur eine Einstellung, sondern einen entscheidenden Treiber für die politische Unterstützung für Klimapolitik darstellen. Wenn wir Verhaltensänderungen und Handeln in Bezug auf Klimafragen verstehen wollen, müssen wir auch Einstellungen zum Klimawandel verstehen (Albarracin et al. 2005).

Die Daten in Grafik 1 zeigen: Auf die Frage, welche Sorgen sich Menschen über Klimawandelfolgen machen, antwortet die überwiegende Mehrheit in Deutschland mit „einige oder große Sorgen“. Nur ein geringer Anteil unter Männern und Frauen macht sich keine Sorgen – dieser ist unter Männern jedoch doppelt so groß (die roten Abschnitte in Grafik 1). Dagegen machen sich Frauen deutlich häufiger große Sorgen um die Folgen der Klimakrise (dunkelgrün in Grafik 1). Das wird häufig mit Sozialisierung erklärt, wonach Frauen traditionell eher Fürsorge-Rollen übernehmen, auch gegenüber der Umwelt. Doch Strapko et al. (2016) zeigen, dass diese Erklärung zu kurz greift. Sie kann leicht essentialistische Vorstellungen von „natürlichen“ Eigenschaften von Frauen oder Männern befördern: Frauen seien „von Natur aus“ besorgter um Familie und Natur, hätten also eine biologische Veranlagung dazu – dabei sind Geschlechterrollen sozial konstruiert, historisch gewachsen und somit umkämpft und veränderbar. Um die Dynamiken hinter dem Gender Gap in Klimasorgen zu verstehen, braucht es daher einen Blick auf die tieferliegenden Strukturen gesellschaftlicher Machtverhältnisse.

Ausprägung von Klimasorgen, Frauen und Männer im Vergleich

Ergebnisse

Als nächstes untersuchen wir, ob geringere Klimasorgen durch eine traditionelle Einstellung zu Geschlechterrollen erklärbar sind. Diese messen wir durch einen Index aus mehreren Fragen zu Geschlechtervielfalt, der von 1 bis 7 reicht. Abgefragt wird beispielsweise die Zustimmung zu folgendem Statement: „Es sollte in unserer Gesellschaft akzeptiert werden, dass sich nicht jeder mit seinem biologischen Geschlecht identifiziert.“ Höhere Werte stehen für eine stärkere Ablehnung und damit für traditionellere Geschlechtervorstellungen – ein Indikator für dominanzorientierte, traditionell-männliche Vorstellungen.

Gendereinstellungen und Klimasorgen von Männern

Vergleichen wir nun die Klimawandelsorgen von drei Gruppen: Männer mit niedrigen, mittleren und hohen Leveln von traditionellen Einstellungen zu Gender. Das Muster ist eindeutig: Nur fünf Prozent der Männer mit progressiveren Einstellungen zu Gender gegenüber 25 Prozent derer mit traditionellen Einstellungen geben an, sie machen sich keine Sorgen bezogen auf die Folgen der Klimakrise. Bei Frauen sehen die Ergebnisse ähnlich aus.

Um sicherzugehen, dass diese Tendenz nicht mit anderen Faktoren erklärbar ist, kontrollieren wir zusätzlich in einer Regressionsgleichung für viele andere Faktoren, die geringe Klimasorgen erklären könnten, wie etwa politische Einstellung, Alter, Bildung oder Einkommen. Anders ausgedrückt vergleichen wir somit möglichst identische Personen, die sich nur durch ihre Gendereinstellungen unterschieden. Die Ergebnisse zeigen: Klimabedenken sind unter Männern signifikant geringer, wenn größere Zustimmung zu traditionellen Geschlechtereinstellungen herrscht, und zwar unabhängig von Alter, Bildung, Einkommen oder Beschäftigungsstatus. Konkret bedeutet das: Wenn ein Mann in seinen Geschlechtervorstellungen um eine Stufe traditioneller eingestellt ist, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass er sich Sorgen um den Klimawandel macht, umgerechnet um etwa 26 Prozent. Zusätzlich wirken sich auch konservative politische Einstellungen und Parteipräferenzen bei Männern negativ auf die Klimasorgen aus. Statistisch gesehen sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Mann Sorgen um den Klimawandel macht, um etwa 17 Prozent, wenn er sich politisch um eine Stufe stärker rechts einordnet.

Bei Frauen sind dagegen die Punktschätzer nicht statistisch signifikant. Diese Daten legen daher nahe, dass die Wahrnehmungen des Klimawandels vor allem unter Männern eng mit Vorstellungen über Geschlechterrollen verknüpft sind. Für Frauen hingegen lässt sich dieser Zusammenhang nicht eindeutig statistisch bestätigen, hier könnten andere Faktoren die Ergebnisse beeinflussen.

Ausblick

Unsere Analyse liefert Hinweise darauf, wie Machtverhältnisse einen Einfluss auf Klimasorgen haben und wie Geschlechterverhältnisse identitätsstiftend wirken. Nur wenn wir grundlegende sozialen Dynamiken verstehen und adressieren, können wir eine breite gesellschaftliche Unterstützung mobilisieren, die nötig ist, um die Klimakrise wirksam und gerecht zu bewältigen. Aus unserer Sicht braucht es daher eine radikale Infragestellung hegemonialer Männlichkeit.

Ein zentraler Schritt dafür ist eine gesellschaftliche Neuausrichtung unseres Sozial- und Wirtschaftssystems: auf Fürsorge und Solidarität. Unsere Wirtschaftstätigkeit kann nicht mehr auf einer Profitmaximierung und den expansiven Zugriff auf die Natur ausgerichtet sein. Wir müssen beginnen, fürsorgende Wirtschaftstätigkeiten als die eigentlich produktiven Tätigkeiten zu begreifen. Das müsste mit einer Aufwertung und dem Ausbau von Sorgetätigkeiten einhergehen. Konkrete erste Schritte wären ein Ausbau von Kinderbetreuung, Altenpflege, Gesundheits- und Bildungssystem ebenso wie eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung.

Dass diese Visionen derzeit nicht nur utopisch wirken, sondern sich zudem die öffentliche Diskussion in die Gegenrichtung bewegt, spielt all jenen in die Hände, die konservative Geschlechtervorstellungen haben und die Klimakrise leugnen. Rechte Bewegungen in Deutschland wie auch in den USA nutzen längst Vorstellungen und Gefühle rund um Männlichkeit bzw. Gender zur Mobilisierung und Politisierung. Umso dringlicher ist es daher, der Gefahr von faschistischen Tendenzen durch ungleichheitsverringernde und emanzipatorische Maßnahmen den Nährboden zu entziehen.

Geschlechtergerechtigkeit, soziale Gleichheit und Klimaschutz sind keine getrennten Baustellen, sondern miteinander verwobene Herausforderungen, die nur gemeinsam gelöst werden können und müssen.

 

Literatur

Albarracin, D./Johnson, B. T./Zanna, M. P. (Hrsg.) (2005): The Handbook of Attitudes, 1. Aufl., New York, https://doi.org/10.4324/9781410612823

Brough, A. R./Wilkie, J. E. B./Ma, J./Isaac, M. S./Gal, D. (2016): Is Eco-Friendly Unmanly? The Green-Feminine Stereotype and Its Effect on Sustainable Consumption, in: Journal of Consumer Research 43 (4), S. 567–582, https://doi.org/10.1093/jcr/ucw044

Connell, R. W. (1990): A Whole New World: Remaking Masculinity in the Context of the Environmental Movement, in: Gender and Society 4 (4), S.452–478, https://doi.org/10.1177/089124390004004003

Connell, R. W./Messerschmidt, J. W. (2005): Hegemonic Masculinity: Rethinking the Concept, in: Gender and Society 19 (6), S. 829–859, https://doi.org/10.1177/0891243205278639

Lewis, Gregory B. L./Palm, R./Feng, B. (2019): Cross-national Variation in Determinants of Climate Change Concern, in: Environmental Politics 28 (5), S. 793–821, https://doi.org/10.1080/09644016.2018.1512261

McCright, A. M./Dunlap, R. E. (2011): Cool Dudes: The Denial of Climate Change among Conservative White Males in the United States, in: Global Environmental Change 21 (4), S. 1163–1172, https://doi.org/10.1016/j.gloenvcha.2011.06.003

Merchant, C. (1989): The Death of Nature: Women, Ecology, and the Scientific Revolution, New York

New Daggett, C. (2023): Petromaskulinität. Fossile Energieträger und autoritäres Begehren, Berlin

Pearse, R. (2017): Gender and Climate Change, in: Wiley Interdisciplinary Reviews: Climate Change 8 (2), e451, https://doi.org/10.1002/wcc.451

Pease, B. (2019): Recreating Men’s Relationship with Nature: Toward a Profeminist Environmentalism, in: Men and Masculinities 22 (1), S. 113–123, https://doi.org/10.1177/1097184X18805566

Räty, R./Carlsson-Kanyama, A. (2010): Energy Consumption by Gender in Some European Countries, in: Energy Policy 38 (1), S. 646–649, https://doi.org/10.1016/j.enpol.2009.08.010

Strapko, N./Hempel, L./MacIlroy, K./Smith, K. (2016): Gender Differences in Environmental Concern: Reevaluating Gender Socialization, in: Society & Natural Resources 29 (9), S. 1015–1031, https://doi.org/10.1080/08941920.2016.1138563

Die Blogserie ist eine Zusammenarbeit zwischen dem WSI und dem Next Economy Lab (NELA). Das WSI-Herbstforum 2025 hat sich unter dem Titel „Krisen, Kämpfe, Lösungen: Transformationskonflikte im sozial-ökologischen Wandel“ dem Thema ebenfalls gewidmet. Bei NELA entsteht diese Reihe im Rahmen des Projektes „Team soziale Klimawende“, in dem Gewerkschaftsmitglieder aus IG Metall, IG BCE und ver.di in einer übergewerkschaftlichen Fortbildungsreihe zu Transformationspromotor*innen ausgebildet werden. Das Projekt wird von der Mercator Stiftung unterstützt.

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Autorinnen

Rahel Weier studiert Sozioökonomie an der Universität Duisburg-Essen und forscht zu Klimapolitik aus Genderperspektive.

Prof. Dr. Miriam Rehm ist Professorin für Sozioökonomie an der Universität Duisburg-Essen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind soziale Ungleichheit, Arbeitsökonomie, Gender und quantitative empirische Methoden.

Dr. Neva Löw ist wissenschaftliche Referentin am WSI der Hans-Böckler-Stiftung.

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