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Bettina Kohlrausch/Andreas Hövermann, 06.10.2020: Arbeit in der Krise

Die Corona-Krise legt die erhebliche Ungleichheit zwischen Erwerbstätigen offen und verstärkt sie sogar noch. Wen traf die Krise am härtesten? Daten der Erwerbstätigenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung geben darauf Antwort.

Im April und Juni dieses Jahres wurden Erwerbstätige in Deutschland repräsentativ befragt, unter anderem dazu, ob sie angesichts der Corona-Krise Einbußen bei ihrem persönlichen Einkommen hinnehmen mussten oder ihre Arbeitszeit reduzierten (vgl. Hövermann 2020). Auch wenn beide Aspekte natürlich miteinander in Verbindung stehen, sind sie nicht identisch, weil Beschäftigte aufgrund von möglichen Lohnkompensationen (Kurzarbeitergeld) Arbeitszeit reduzieren können, ohne zunächst im gleichen Umfang Lohneinbußen hinnehmen zu müssen. Dies war zumindest bei Frauen vor allem am Anfang der Krise der Fall. Neben möglichen Lohneinbußen birgt eine anhaltende Arbeitszeitreduktion das Langzeit-Risiko, dauerhaft aus dem Arbeitsmarkt gedrängt zu werden.

Einkommenseinbußen: Branche und Tätigkeit sind wichtige Merkmale

Eine Verringerung des Einkommens ist weit verbreitet: Knapp ein Drittel der über 6.000 befragten Erwerbstätigen mussten Einbußen hinnehmen.

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Genauere Analysen der Daten zeigen, dass diese Verluste unter den Erwerbstätigen keineswegs gleich verteilt sind. Beim Vergleich nach Branchen fällt vor allem auf, wie stark die Erwerbstätigen im Gastgewerbe betroffen sind: Mehr als drei Viertel von ihnen geben Einkommenseinbußen an. Überdurchschnittlich häufig berichten auch Erwerbstätige im verarbeitenden Gewerbe, in Verkehr und Logistik, im Handel und in sonstigen Dienstleistungen von Einbußen.

Besonders große Differenzen werden auch im Vergleich nach Ausbildung und ausgeübter Tätigkeit ersichtlich. Unter den Erwerbstätigen ohne beruflichen Bildungsabschluss sind über 40 Prozent von Einkommensverlusten betroffen – ein deutlich überdurchschnittlicher Wert. Mit höherer Qualifikation geht der Anteil zurück: Von den Erwerbstätigen mit abgeschlossener Berufsausbildung berichten 32,2 Prozent von Einbußen, unter den Erwerbstätigen mit Hochschulabschluss sind es nur noch 26,8 Prozent.

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Beamte haben nur äußerst selten Einkommenseinbußen zu verzeichnen. Sichtbar wird dagegen die hohe Belastung von Selbstständigen und Freiberufler*innen. Hier berichten mehr als die Hälfte von Einkommensausfällen – von den Freiberufler*innen sogar fast zwei Drittel. Überdurchschnittlich häufig trifft es auch Arbeiter*Innen (38,1 Prozent). Eine detailliertere Aufschlüsselung zeigt, dass insbesondere an- und ungelernte Arbeiter*innen (41,7 Prozent) sowie Facharbeiter*innen und Gesell*innen (36,7 Prozent) betroffen waren (die Daten stehen hier zum Download zur Verfügung).

Von den Angestellten berichten 29,3 Prozent von Einbußen. Hier mussten sowohl von eher niedrig ausgebildeten Angestellten mit einfachen Tätigkeiten als auch von Angestellten mit umfassenden Tätigkeiten und Meister*innen relativ häufig Einkommensverluste hingenommen werden.

Beschäftigungsbedingungen: Aus prekär wird prekärer

Die Beschäftigungsbedingungen und hierbei insbesondere prekäre Beschäftigung spielen insofern eine Rolle, als dass unbefristet Beschäftigte leicht unterdurchschnittlich häufig und nicht-sozialversicherungspflichtig Beschäftigte leicht überdurchschnittlich häufig Einbußen hatten. Auch geringfügig Beschäftigte und Beschäftigte, die bei einer Leiharbeits-/Zeitarbeitsfirma angestellt sind und an andere Unternehmen verliehen werden, berichten auffällig häufig von Einkommensverlusten.

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Außerdem zeigen die Ergebnisse der Befragung, dass Gewerkschaftsmitglieder seltener Einbußen zu verzeichnen hatten (26,5 Prozent). Erwerbstätige in Betrieben ohne Mitbestimmung mussten häufiger auf Teile ihres Einkommens verzichten (von den Erwerbstätigen in Betrieben ohne Betriebsrat 37,7 Prozent, in Betrieben ohne Tarifvertrag 35,7 Prozent). 

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Betrachtet man abschließend die Geschlechterkomponente, so zeigt sich, dass Männer etwas häufiger Einkommensverluste hinnehmen mussten als Frauen. Dies gilt im Übrigen unabhängig davon, ob Kinder und Jugendliche mit im Haushalt leben und betreut werden müssen.

Die Befunde bis hierhin zeigen zum einen auf, wie unterschiedlich verschiedene Branchen getroffen wurden. Dies ist aufgrund der spezifischen Form der Krise wenig verwunderlich. In Bezug auf die Beschäftigtenmerkmale zeigt sich darüber hinaus, dass bereits bestehende Ungleichheiten weitgehend verstärkt werden.

Wer ist von Arbeitszeitreduktion betroffen?

Die Daten belegen, dass Personengruppen, die häufiger von Einkommenseinbußen betroffen sind, in der Regel auch häufiger ihre Arbeitszeit reduziert haben. Frauen sind dabei jedoch eine Ausnahme:  Während Männer, wie oben berichtet, häufiger von Einkommenseinbußen betroffen waren, haben Frauen (ob mit oder ohne betreuungsbedürftige Kinder) ihre Arbeitszeit gleich zu Beginn der Krise stärker reduziert als Männer.

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Ein Vergleich der Arbeitszeiten von Männern und Frauen, die mit betreuungsbedürftigen Kindern im Haushalt leben, ergibt, dass Frauen ihre Arbeitszeit zu Beginn der Krise durchschnittlich um vier Stunden reduziert haben, während Männer dies nur um drei Stunden taten. Auch wenn die Arbeitszeit im Verlauf der Krise wieder anstieg, blieb der Unterschied stabil. Damit scheint sich die Arbeitszeitlücke zwischen Männern und Frauen mit betreuungsbedürftigen Kindern, wenn auch auf höherem Niveau, nachhaltig zu vergrößern.

Ein Vergleich von Männern und Frauen mit und ohne betreuungsbedürftige Kinder zeigt darüber hinaus, dass dieser geschlechtsspezifische Unterschied bei der Erwerbsarbeit größer wird, wenn im Haushalt Kinder betreut werden müssen, jedoch nicht vollends verschwindet, wenn dies nicht der Fall ist. Die Verantwortung für Sorgearbeit kann den stärkeren Rückzug von Frauen aus der Erwerbsarbeit in Zeiten der Corona-Krise somit nicht vollständig erklären. Da Personen in niedrigeren Gehaltsgruppen ihre Arbeitszeit stärker reduziert haben, könnte die stärkere Arbeitszeitreduktion von Frauen auch eine Folge der Tatsache sein, dass Frauen schon vor der Krise weniger verdienten als Männer. Zudem existierte schon vor der Krise eine Arbeitszeitlücke zwischen Männern und Frauen, die sich durch die Krise zu verstärken scheint. Es besteht somit die Gefahr, dass Frauen dauerhaft stärker vom Arbeitsmarkt verdrängt werden.

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Ungleichheit in der Krise

Insgesamt wird aus den Ergebnissen der Befragung deutlich, wie unterschiedlich die finanziellen Belastungen und Arbeitszeiteinschränkungen in der Corona-Krise unter den Erwerbstätigen verteilt sind. Die Befunde zeichnen dabei ein eindeutiges Bild der Verstärkung sozialer Ungleichheit durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Diese Verschärfung und Verfestigung der sozialen Ungleichheit in Deutschland sollte daher unbedingt bei der Gestaltung kommender politischer Hilfsmaßnahmen berücksichtigt werden!

 

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Die Beiträge der Serie:

Florian Blank und Daniel Seikel (06.10.2020)
Soziale Ungleichheit in der Corona-Krise. Eine Serie im WSI-Blog Work on Progress

Bettina Kohlrausch und Andreas Hövermann (06.10.2020)
Arbeit in der Krise

Elke Ahlers (07.10.2020)
Arbeitsschutz in der Corona-Krise: Hohe Standards für alle!

Philip Mader, Daniel Mertens, Natascha van der Zwan (08.10.2020)
Neun Wege, wie der Coronavirus den Finanzkapitalismus verändern könnte

Daniel Seikel (13.10.2020)
Die Corona-Krise und die Eurozone: Ausweg aus dem Nein-Quadrilemma?

Ingo Schäfer (15.10.2020)
Rente in der Krise? Keine Spur!

Maria Figueroa, Ian Greer, Toralf Pusch (16.10.2020)
Europas Arbeitsmärkte in der Corona-Krise: Kurzarbeit hat einen drastischen Einbruch verhindert

Elke Ahlers und Aline Zucco (20.10.2020)
Homeoffice - Der positive Zwang?

Lukas Haffert (22.10.2020)
Auf Nimmerwiedersehen, Schwarze Null?

Florian Blank (23.10.2020)
Die Unordnung der Wohlfahrtsproduktion in Zeiten von Corona

Toralf Pusch und Hartmut Seifert (30.10.2020)
Kurzarbeit vs. Mehrarbeit in systemrelevanten Bereichen

Martin Behrens (03.11.2020)
Besser durch die Krise mit Tarif und Betriebsrat

Stephan Lessenich (09.11.2020)
Grenzen der Solidarität. COVID-19 und die Strukturen globaler sozialer Ungleichheit

Bettina Wagner (13.11.2020)
Corona und die deutsche Fleischindustrie – seit langem überfällige Reformen?

Aline Zucco und Bettina Kohlrausch (24.11.2020)
Was bedeutet die Pandemie für die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern?

Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.

Autor/innen

Prof. Dr. Bettina Kohlrausch ist Wissenschafltliche Direktorin des WSI. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u.a. Bildungsungleichheit, die Folgen der Digitalisierung für Arbeit und Qualifizierung sowie der Zusammenhang zwischen sozialem Wandel und sich verändernden politischen Einstellungen und Rechtspopulismus.

Dr. Andreas Hövermann ist Soziologe in der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung, Projekt: Soziale Lebenslagen und demokratische Integration. Arbeitsschwerpunkte: Vorurteile, rechtspopulistische Einstellungen, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Survey-Befragungen.

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