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Arbeiter montieren am Band Fahrzeuge

Sarah Mewes/Leon Raabe, 24.07.2026: Beschäftigte im Kreuzfeuer der Transformationskonflikte der Automobilindustrie

Angesichts einer unsicheren Zukunft entwickeln Belegschaften verschiedene Strategien, die Transformation anzugehen. Um den Weg für eine sozial gerechte Klimawende zu bahnen, muss die Mitbestimmung an der betrieblichen Basis gestärkt werden.

Vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden Klimakrise sind sozial-ökologische Transformationsprozesse in allen Wirtschaftssektoren unausweichlich. Die deutsche Automobilindustrie steht dabei im Zentrum dieser Umbrüche: Mit rund 773.000 Angestellten und einem Umsatz von 536,1 Milliarden Euro (2024) gehört sie zu den größten und beschäftigungsintensivsten Industriebranchen unseres Landes (EY 2025). Doch dieser industrielle Kernbereich steckt in der wohl größten Krise seit dem zweiten Weltkrieg. Neben den Herausforderungen durch die notwendige ökologische Transformation ist die Branche mit tiefgreifenden strukturellen und geopolitischen Verwerfungen konfrontiert: Sinkende Produktionszahlen, ein drastischer Rückgang der Marktanteile deutscher Hersteller im wichtigen Absatzmarkt China (2019 lag der Marktanteil in China bei 26,2 Prozent; 2024 nur noch bei 21,2 Prozent) sowie der rasante Aufstieg chinesischer E-Auto-Produzenten setzen die deutschen Autohersteller massiv unter Druck (Zwick 2024). Hinzu kommen weitere Herausforderungen, wie die Digitalisierung, globale Lieferkettenengpässe und die Verlagerung von Produktionskapazitäten in Länder mit niedrigeren Sozial- und Umweltstandards. Die Folgen dieser Entwicklungen sind Kurzarbeit, Standortschließungen und Arbeitsplatzabbau – insbesondere bei den Zulieferbetrieben, die vom Verbrenner abhängig sind (Tagesschau 2025). Insgesamt sank die Zahl der Beschäftigten in der Automobilindustrie zwischen dem Höchststand 2018 und dem Jahr 2022 um 5,2 Prozent von 486.000 auf 461.000 Personen, in der Zulieferindustrie sogar um 11,9 Prozent – von 311.000 auf 274.000 Personen (IG Metall 2023a). Der Trend hält weiter an: Anfang dieses Jahres verkündete VW-Konzernchef Oliver Blume, bis 2030 weitere 50.000 Stellen abbauen zu wollen (Weyand 2026). Die Zuliefererindustrie steht dabei durch ihre Abhängigkeit zu den großen Produzenten meist noch schlechter da.

Trotz einer Umsteuerung der Automobilindustrie und einer steigenden Zahl an Neuzulassungen von E-Autos sind in den letzten Jahren im Verkehrssektor die Emissionen nicht gesunken, wie eigentlich in den Klimazielen verabredet, sondern im Vergleich zu 1990 weiter gestiegen (Eur. Parlam. 2019) – im Gegensatz zu den Emissionen aller anderen Sektoren. Gleichzeitig entwickelt sich auch der Absatz von E-Mobilität in Deutschland nur schleppend: Im Jahr 2024 entfielen lediglich rund fünf Prozent der Neuzulassungen auf Elektroautos und Plug-in-Hybride (Statista 2025). Daher ist es wenig verwunderlich, dass Autos in der EU nach wie vor mehr als 60 Prozent der Emissionen des Verkehrssektors verursachen, der wiederum ein Fünftel der gesamten CO2-Emissionen ausmacht. Deshalb hat die Europäische Union mit Flottengrenzwerten und dem geplanten Verbrenner-Aus ab 2035 die Automobilhersteller zum Umstieg auf alternative Antriebe wie E-Mobilität verpflichtet (Eur. Parlam. 2022). Aber auch das wurde inzwischen wieder aufgeweicht (Scheer u. a. 2025): So werden wohl auch nach 2025 noch neue Verbrennerautos in der EU zugelassen werden und die Emissionsziele müssen wirtschaftlichen Zielen weichen.

Die Unsicherheit über den zukünftigen Kurs der Industrie und die Angst vor Arbeitsplatzverlust führen zu zunehmenden Transformationskonflikten in den Belegschaften der deutschen Automobilindustrie. In einem sich drastisch verändernden Sektor ringen die Beschäftigten um berufliche Perspektiven und soziale Sicherheit. Sie sehen sich mit einer Industriepolitik und mit Managemententscheidungen konfrontiert, die zunehmend für Verunsicherungen sorgen. Besonders drastisch zeigt sich das an der Kündigung langjähriger Tarifverträge und der Beschäftigungssicherung bei Volkswagen und Ford im Jahr 2024 (Tagesschau 2024). Gepaart mit dem massiven Stellenabbau, für den keine Besserung in Sicht ist, lassen diese Entwicklungen viele Beschäftigte – zurecht – zunehmend an ihrer beruflichen Perspektive und Arbeitsplatzsicherheit zweifeln.

Die damit einhergehende Verunsicherung birgt großes soziales Konfliktpotenzial – nicht zuletzt, weil Arbeitsplatzverluste und steigende Ohnmachtsgefühle den gesellschaftlichen Rechtsruck weiter befeuern können. Umso wichtiger ist es, dass gerade betrieblich aktive Gewerkschafter*innen in der Transformation eine starke Stimme haben und ihnen in diesen schwierigen Zeiten der Rücken gestärkt wird, damit sie gestaltend eingreifen können.

Transformationsstrategien in Belegschaften

Aus den oben genannten Herausforderungen der Transformation ergeben sich unterschiedliche Präferenzen von Beschäftigten in Bezug auf mögliche Transformationsstrategien. Diese analysieren Klaus Dörre und seinem Team in einer Studie (Dörre u. a. 2024). Dabei arbeiten sie drei unterschiedliche, aber miteinander konkurrierende Strategien heraus, wie Belegschaften mit der aktuellen Situation umgehen. Ob die Beschäftigten das bestehende Produktionssystem weiterführen wollen (Beharrungsstrategie), sich mit einer Antriebswende zufriedengeben (Technikzentrierung) oder die Notwendigkeit einer nutzenbasierten Produktionsumstellung befürworten (Konversionsoffenheit), gibt Aufschluss darüber, auf welcher Ebene gewerkschaftliches Engagement in Betrieben ansetzen kann, um eine umfassende sozial-ökologische Transformation zu begleiten. Im Folgenden zeigen wir anhand konkreter Beispiele auf, welche Chancen und Risiken in den drei Strategien liegen.

1) Beharrungsstrategie

Beharrungstendenzen finden sich in den Belegschaften bei Personen, die eine Veränderung in der Produktion allgemein ablehnen. Durch die Weiterentwicklung altbewährter Verbrennertechnologien zielen sie darauf ab, das Transformationstempo zu verlangsamen. Ausschlaggebend sind für diese Gruppe Ängste vor Standortschließungen und Arbeitsplatzverlusten, Zukunftssorgen über unbekannte Produktionsprozesse sowie das Gefühl, den Änderungen, die von oben kommen, nichts entgegensetzen zu können. Dazu kommt die Instrumentalisierung rechter Parteien und der Kulturkampf um das Auto. Sozial-ökologische Transformationsbestrebungen werden in dieser Gruppe allgemein als Bedrohung der eigenen Lebensweise wahrgenommen und daher fundamental abgelehnt, folgert das Team von Dörre  (Dörre u. a. 2024).

Die Beharrungsstrategie schafft einen Nährboden, auf dem sich rechte politische Strömungen diese Haltung zunutze machen, um an Kraft zu gewinnen. So wurde bei Daimler in Untertürkheim im Jahr 2010 die rechte Betriebsratsliste Zentrum Automobil gegründet, um auf die Unzufriedenheit von Teilen der Belegschaften mit den bestehenden Gewerkschaften einzugehen. Die Kritik an Gewerkschaften, sich nicht ausreichend um die materiellen Interessen der Belegschaft als Kerninteressen zu kümmern und Gewerkschaften zum Kampfplatz außerbetrieblicher Kulturkämpfe zu machen, ist dabei zentral (Schroeder u. a. 2019). Dabei wird eine vermeintliche Spaltung zwischen Belegschaft und Gewerkschaftsfunktionär*innen postuliert, wobei letztere – so der Vorwurf – nicht mehr Arbeiter*innen, sondern Aktionär*innen vertreten würden und so zu einer Art Co-Management mit konträren Interessen würden (ebd.: 187). Ergänzend zu dieser Kritik, nicht länger im Sinne der Beschäftigten zu handeln, findet ein Abwehrkampf gegen das Fremde statt. Dabei werden einerseits Ressentiments gegen Migranten*innen geschürt, während andererseits die Managementbestrebungen einer Umstellung der Produktion auf E-Mobilität abgelehnt wird (Magazin Mitbestimmung 2021).

Dabei ist das Zentrum Automobil nicht einmal als Gewerkschaft anerkannt und somit auch nicht tariffähig – es hat also gar nicht die institutionellen Voraussetzungen, um sich ernsthaft für die Interessen der Beschäftigten einzusetzen. Es agiert lediglich als Liste, die sich in Einzelbetrieben in den Betriebsrat wählen lässt. Durch ihr Handeln spalten sie Belegschaften und behindern so durch interne Konflikte eine effektive Interessenvertretung. Indem sie nicht auf die überbetriebliche Unterstützung durch Gewerkschaften setzen, behindern sie außerdem die Aushandlung guter Tarifverträge; welche in solch stürmischen Zeiten so bitter nötig sind.

Die Etablierung rechter Listen in Betriebsräten ist Ausdruck einer gesteigerten Unsicherheit über die Zukunftsfähigkeit der Branche und der Gesellschaft im Allgemeinen. Diese Verunsicherung übersetzt sich laut der Studie „Einstellung und soziale Lebenslagen“ in steigende Zustimmungswerte für die AfD (Hilmer u. a. 2017). Sie wird auch vom Zentrum Automobil genutzt, das durch die Thematisierung von Zukunftsängsten und politischer Entfremdung erste bedenkliche Achtungserfolge erzielen konnte.

Hier wird deutlich, dass eine Missachtung der sozialen Belange in den Transformationsprozessen der Automobilbranche und Verzögerungstaktiken die Gefahr bergen, Beharrungstendenzen in den Belegschaften zu verstärken, schlimmstenfalls sogar zu wachsender Zustimmung zu rechten, autoritären Initiativen und Parteien führen und einen progressiven sozial-ökologischen Wandel verhindern.

2) Technikzentrierung

In einem anderen Teil der Belegschaften ist die Hoffnung groß, dass technologische Weiterentwicklungen – vor allem im Bereich der Elektromobilität und der Digitalisierung – der Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit sein können. Von dieser Transformationsstrategie werden laut Dörres Team insbesondere Beschäftigte angesprochen, die technologieaffin sind, die durch die Umstellung auf E-Mobilität eine Aufwertung ihrer Stellung im Produktionsprozess erfahren oder ideologisch mit den Zielen des Klimaschutzes übereinstimmen (Dörre u. a. 2024). Im Gegensatz zur ersten Gruppe mit Beharrungstendenzen betrachtet der technikzentrierte Teil der Belegschaft die Umstellung auf E-Mobilität als Chance, den gewohnten Lebensstil fortzuführen und zugleich neue Beschäftigungsmöglichkeiten zu erschließen.  

Vor diesem Hintergrund wurde beispielsweise die Gründung der Volkswagentochter PowerCo im Jahr 2022 als Schritt in die richtige Richtung bewertet, da mit dieser Entscheidung die zukunftsträchtige Batterieherstellung im Unternehmen verbleibt. Das Versprechen sah vor, dass allein in Europa 20.000 neue Arbeitsplätze entstehen sollen – davon 5.000 am Unternehmenssitz in Salzgitter (Volkswagen Group 2022). Doch die anfängliche Euphorie, mit der geplanten Batteriezellfertigung einen reibungslosen technikzentrierten sozial-ökologischen Übergang zu erreichen, ist mittlerweile von der Realität eingeholt worden, wie ein Blick auf die aktuelle Lage zeigt. Derzeit ist das Unternehmen im Dezember 2025 nur mit einer, anstatt der ursprünglich geplanten zwei Batteriezellfertigungslinien in Salzgitter gestartet (Treiß 2024; Volkswagen Group 2025). Auch die angespannte Auftragslage und die Aufkündigung der Beschäftigungssicherung bei VW lassen Zweifel an einem reibungslosen technikzentrierten Übergang aufkommen. Vielmehr zeigt die im letzten Jahr geführte harte Tarifauseinandersetzung bei PowerCo, dass die Umstellung auf E-Mobilität teilweise sogar neue Konflikte in sich birgt (IG Metall 2025). Grund dafür ist die Gründung eines global agierenden Tochterunternehmens, das die Notwendigkeit für einen eigens ausgehandelten Tarifvertrag erst erforderlich machte. Vor diesem Hintergrund sind die Belegschaften in Salzgitter von einer doppelten Spaltung bedroht: einerseits durch die Spaltung der VW-Stammbelegschaft von PowerCo und andererseits durch angedrohte Produktionsverlagerungen von PowerCo ins Ausland.

Hier zeigt sich, dass in Zeiten großer Umstrukturierungen durch den technologischen Wandel mitsamt der Neugründung von Tochterfirmen die Beschäftigten der deutschen Automobilindustrie mit neuen Tarifauseinandersetzung konfrontiert sind und auch ein möglicher Stellenabbau nicht unrealistisch erscheint. Die Transformation zur E-Mobilität und der technikoffene Ansatz bergen somit auch die Gefahr, als Anlass für schlechtere Arbeitsbedingungen oder Personalabbau instrumentalisiert zu werden.

3) Konversionsoffenheit

Hinter der Einstellung, die eine Konversion befürwortet, bündeln sich Personen, die die Notwendigkeit einer umfassenden Produktionsumstellung erkennen und diese aktiv mitgestalten möchten. Sie vertrauen auf die Fähigkeiten und das Fachwissen in den Belegschaften, das für die Produktion von ökologisch und sozial nützlichen Produkten verwendet werden soll. Durch demokratisch vorangetriebene Produktionsumstellungen auf ökologische Produkte soll einer Deindustrialisierung aktiv entgegengewirkt werden, während zeitgleich die Mitbestimmung der Belegschaften erhöht wird. Konversionsbestrebungen verfolgen dabei unterschiedliche Strategien, die entweder vom Management gesteuert werden oder – bisher noch in seltenen Fällen – von den Belegschaften selbst vorangetrieben werden.

Ein Beispiel für einen Top-Down-Prozess stellt die erfolgreiche Produktionsumstellung des Automobilzulieferers Continental dar. Dieser musste in Gifhorn seine Produktion von Bremsen und Luftfedern einstellen. Um das Potenzial von hochqualifizierten Fachkräften weiter zu nutzen, konnte der Wärmepumpenhersteller Stiebel Eltron von der Übernahme der Beschäftigten und des Werks überzeugt werden (IG Metall 2023b). Ausschlaggebend für die Übernahme von 350 der insgesamt 1000 Beschäftigten war ein Organisationsgrad von 96 Prozent und die frühzeitige Beteiligung der Belegschaft. Dadurch konnte ein Sozialplan erarbeitet werden, der faire Abfindungen vorsah und bei den Beschäftigten eine hohe Zustimmung genießt. Neben den sozialen Aspekten wird in Gifhorn in Zukunft mit der Herstellung von Wärmepumpen ein Produkt gefertigt, dessen gesellschaftlicher Nutzen in der emissionsfreien Wärmeplanung eine zentrale Rolle einnimmt. Während die Konversion hier in einem sozialpartnerschaftlichen Prozess zwischen Belegschaften, Gewerkschaft und Geschäftsführung umgesetzt wurde, können Konversionsprozesse auch deutlich konfrontativer ablaufen.

Ein solches Beispiel, wo die Belegschaft das Ruder übernommen hat, ist GKN in Italien: Um De-Industrialisierungsprozessen und Arbeitsplatzverlusten in der Region Florenz entgegenzutreten, befindet sich die Belegschaft des ehemaligen Automobilzulieferers GKN seit 2021 in einer dauerhaften Betriebsversammlung, die ihren Ausdruck in einer Fabrikbesetzung findet. Getragen von der Belegschaft vor Ort und unterstützt von einem breiten Bündnis aus linken Teilen von Gewerkschaften, linken Parteien, der Zivilgesellschaft sowie von Wissenschaftler*innen, zielt das Leuchtturmprojekt auf eine demokratische Selbstverwaltung des Betriebs und eine umfassende sozial-ökologische Transformation (Anderegg u. a. 2024). Um betriebsbedingten Kündigungen entgegenzutreten und den ehemaligen Automobilzuliefererbetrieb umzubauen, wurde aus der Belegschaft heraus eine Bestandsanalyse über die Bedingungen vor Ort durchgeführt. Darauf aufbauend wurde ein Re-Industrialisierungskonzept entwickelt, das die Produktion von Lastenfahrrädern und Solarpanelen vorsieht. Nach der Gründung einer Genossenschaft wurde das Konzept von der Banca Etica als finanziell tragfähig befunden und es werden mittlerweile die ersten Prototyp-Lastenräder gefertigt (Benz 2025). Dennoch steht die Initiative immer wieder vor großen Herausforderungen, da mit der Selbstverwaltung und einem ökologischen Klassenkampf das bestehende kapitalistische System aktiv herausgefordert wird. Gleichzeitig befindet sich das Unternehmen aber innerhalb bestehender kapitalistischer Strukturen und muss sich letztendlich darin beweisen, um zu überleben.

Hier wird deutlich, dass Konversionsbestrebungen eine Alternative zu den zuvor beschriebenen Strategien der Beharrung und der Technikzentrierung sein können. Sie zeigen einen Weg auf, sich über eine grundsätzliche – und im besten Fall nachhaltige – Umstellung des Geschäftsmodells Zugang zu einem Zukunftsmarkt zu verschaffen. So können zwar Perspektiven für Arbeitsplätze geschaffen werden, die Unsicherheit in Bezug auf künftigen Erfolg bleibt gleichzeitig groß und einschneidende Verluste sind nicht auszuschließen.

Handlungsstrategien für Beschäftigte im ökologischen Wandel

Wie wir gesehen haben, führt der große Veränderungsdruck in der deutschen Automobilindustrie zu verschiedenen Transformationsstrategien, die für Belegschaften unterschiedliche Herausforderungen und Möglichkeiten bereithalten. Es ist unwahrscheinlich, dass sich hierbei eine Strategie durchsetzt. Gewerkschaften brauchen Mittel, allen drei Strategien zu begegnen: Dafür braucht es eine starke betriebliche Verankerung. 

Während beträchtliche Teile der Belegschaften die Notwendigkeit für eine Transformation in der Branche erkennen, führen rechte Beharrungstendenzen zunehmend zu bedenklichen Entwicklungen. Klar ist: Auch wenn sich mit dem aktuellen „Aus-des-Verbrenneraus“ eher beharrende Kräfte durchgesetzt haben, lässt sich nicht leugnen, dass der Wandel bereits in vollem Gang ist, wie beispielsweise in China, das inzwischen eine Vorreiterrolle in der Elektromobilität einnimmt. Die Beharrungstendenz ist deshalb nicht mehr als Realitätsverweigerung – die zentrale Frage für Belegschaften ist, ob der Wandel aktiv mitgestaltet wird oder sie davon überrollt werden. Eine aktive betriebliche Mitbestimmung ist heute folglich wichtiger denn je. Um diese zu unterstützen, ist es die Aufgabe der Gewerkschaften, betrieblich aktive Gewerkschaftsmitglieder zu stärken, Vertrauensleutestrukturen zu fördern und Betriebsräte zu ermächtigen, die Interessen der Belegschaften kompetent zu vertreten. Nur durch eine gute betriebliche Struktur können in Transformationszeiten die Ängste und Sorgen der Kolleg*innen ernst genommen werden, demokratische Mitbestimmung gestärkt und Zukunftsperspektiven für Belegschaften geschaffen werden.

Um Belegschaften dabei zu unterstützen, können gewerkschaftliche Bildungsangebote einen Beitrag leisten. Ein Beispiel dafür ist das Projekt „Team soziale Klimawende“, in dem aktive Gewerkschaftsmitglieder von IG Metall und ver.di in einer gemeinsamen Fortbildungsreihe das nötige Wissen und die Fähigkeiten erlernen, um die Transformation zu verstehen und Hebel zu identifizieren, um in ihren Betrieben eine sozial gerechte Klimawende zu gestalten. Auch Bildungsangebote wie die Weiterbildung zu „Demokratiekämpferinnen“ können Mitgliedern für ihre Arbeit wertvolle Impulse bieten: Sie stärken die Demokratiekompetenz und Argumentationsfähigkeit gegenüber Demokratiefeinden, fördern ein zuversichtliches Zukunftsbild und setzen Beharrungstendenzen aktiv etwas entgegen.

Aber auch die Fähigkeit, in Zeiten des Umbruchs effektive Tarifverhandlungen zu führen, ist zentral. Damit der Wandel der deutschen Automobilindustrie nicht als Anlass für schlechtere Arbeitsbedingungen oder Personalabbau genutzt wird, braucht es beispielsweise die Aushandlung von Zukunftstarifverträgen. In diesen werden etwa Investitionen vor Ort, die Einführung neuer Produkte, die Personalentwicklung sowie die Aus- und Weiterbildungen geregelt. Zukunftstarifverträge verpflichten Unternehmen mitunter, betriebliche Lösungen und Perspektiven mit den Beschäftigten auszuhandeln (IG Metall 2020). Die Aushandlung von solchen Tarifverträgen gibt Betriebsräten ein strategisches Instrument an die Hand, um unabhängig von kurzfristigen Arbeitgeberforderungen in Gespräche über die Zukunftsgestaltung einzusteigen. Die betrieblichen Akteure haben so die Chance, die Transformation aktiv mitzugestalten, Beschäftigung zu sichern, Standorte zu stabilisieren, aber auch Umschulungen der Belegschaft zu fördern, wenn die Produktion sich perspektivisch grundlegend verändert oder eingestellt wird. Indem die Beschäftigten aktiv an Fragen zur technischen Umsetzbarkeit von Innovationen sowie bei der Gestaltung von künftigen Arbeitsbedingungen beteiligt werden, werden sie zu handelnden Akteuren bei der Gestaltung von Veränderungsprozessen.

Um Industriearbeitsplätze langfristig zu sichern, wird es unabdingbar sein, auch Konversionsprozesse voranzutreiben und Arbeitsplätze jenseits der Automobilindustrie zu schaffen. Dabei liegt die schwierige Aufgabe darin, die Belegschaften mitzunehmen und darauf vorzubereiten. Was es dafür braucht, ist neben der Anerkennung ihrer bisherigen Tätigkeit und passenden Fortbildungsangeboten vor allem die Aussicht auf hohe Löhne, gute Arbeitsbedingungen und zukunftssichere Arbeitsplätze in grünen Branchen. Nur wenn die Beschäftigten nicht als Verlierer der Transformation dastehen, sondern mit Stolz auf ihre bisherigen Leistungen blicken und mit ebenso viel Stolz an der Gestaltung einer nachhaltigen industriellen Zukunft mitwirken können, wird der Wandel langfristig gelingen.

Literatur

Anderegg, Caesar, Lukas Ferrari, Moritz Frömel, Jan Caspar Lemke und Leon Switala. 2024. „Das Fabrikkollektiv ex-GKN am Scheideweg“. Zeitschrift Luxemburg, 17.06.2024. https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/gkn-am-scheideweg.

Benz, Anton. 2025. „Nach vier Jahren: Besetzte Fabrik in Florenz von Räumung bedroht“. nd-aktuell.de. https://www.nd-aktuell.de/artikel/1192488.fabrikkollektiv-ex-gkn-nach-vier-jahren-besetzte-fabrik-in-florenz-von-raeumung-bedroht.html.

Dörre, Klaus, Steffen Liebig, Kim Lucht, und Johanna Sittel. 2024. „Klasse gegen Klima? Transformationskonflikte in der Autoindustrie“. Berliner Journal für Soziologie 34 (1): 9–46. https://doi.org/10.1007/s11609-023-00514-z.

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Europäisches Parlament. 2022. „EU-Verkaufsverbot für neue Benzin- und Dieselfahrzeuge ab 2035 – Was bedeutet das?“ 11.03.2022. https://www.europarl.europa.eu/topics/de/article/20221019STO44572/verkaufsverbot-fur-neue-benzin-und-dieselfahrzeuge-ab-2035-was-bedeutet-das.

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Hilmer, Richard, Bettina Kohlrausch, Rita Müller-Hilmer, und Jérémie Gagné. 2017. „Einstellung und soziale Lebenslage - Eine Spurensuche nach Gründen für rechtspopulistische Orientierung, auch unter Gewerkschaftsmitgliedern“. Forschungsförderung Working Paper 44: 60.

IG Metall. 2020. „Zukunftsverträge“. metallzeitung, Ausgabe März 2020. https://www.igmetall.de/service/publikationen-und-studien/metallzeitung/metallzeitung-ausgabe-maerz-2020/zukunftstarifvertraege.

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Weyand, Florian. 2026. „Der schleichende Jobabbau in der Autoindustrie“. Wirtschaftswoche, 19.03.2026. https://www.wiwo.de/unternehmen/auto/schleichender-jobabbau-bei-audi-vw-und-bmw-der-auto-arbeitsmarkt-trocknet-aus/100208841.html.

Zwick, Daniel. 2024. „Deutsche Automarken verlieren in China an Bedeutung - Marktanteil sinkt auf 20,3 Prozent “. DIE WELT, 04.10.2024. https://www.welt.de/wirtschaft/article253737088/Deutsche-Automarken-verlieren-in-China-an-Bedeutung-Marktanteil-sinkt-auf-20-3-Prozent.html.


* Präsentation auf Anfrage bei den Autor*innen erhältlich

Die Blogserie ist eine Zusammenarbeit zwischen dem WSI und dem Next Economy Lab (NELA). Das WSI-Herbstforum 2025 hat sich unter dem Titel „Krisen, Kämpfe, Lösungen: Transformationskonflikte im sozial-ökologischen Wandel“ dem Thema ebenfalls gewidmet. Bei NELA entsteht diese Reihe im Rahmen des Projektes „Team soziale Klimawende“, in dem Gewerkschaftsmitglieder aus IG Metall und ver.di in einer übergewerkschaftlichen Fortbildungsreihe zu Transformationspromotor*innen ausgebildet werden. Sie lernen die soziale Klimawende vor Ort und in ihren Betrieben selbst mitzugestalten, Unterstützer*innen zu gewinnen und Widerständen aktiv zu begegnen. Das Projekt wird von der Mercator Stiftung unterstützt.

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Autor*innen

Sarah Mewes ist politische Ökonomin und Mitgründerin des NELA. Next Economy Labs, das sie mehrere Jahre als Co-Geschäftsführerin geleitet hat. In ihrer Arbeit verbindet sie Fragen von sozialer Gerechtigkeit mit konkreter Transformationspraxis aus pluralökonomischer Perspektive.

Leon Raabe war bis zum vergangen Jahr studentische Hilfskraft beim Next Economy Lab. Derzeit promoviert er am Institut für Sozioökonomie der Universität Duisburg-Essen zum Thema der Alltagsökonomie.

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