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Ulrich Brand, 21.08.2026: Wie wir durch „transformative Zellen“ ins Handeln kommen
Wie formieren sich innerhalb von Organisationen unterschiedliche Interessen? Wie können Gruppen, Netzwerke oder formale Abteilungen dabei soziale und ökologische Anliegen stärken? Ein Baustein sind „transformative Zellen“.
Die Gestaltung unserer Gesellschaft erfolgt ganz wesentlich durch organisierte Interessen, etwa durch Parteien, Gewerkschaften, Verbände oder soziale Bewegungen, aber auch innerhalb des Staates und von Unternehmen. Daher lohnt ein Blick darauf, wie sich innerhalb von Organisationen unterschiedliche Interessen formieren und wie in diesem Prozess von Gruppen, Netzwerken oder sogar formalen Abteilungen soziale und ökologische Anliegen gestärkt werden können. Ein Vorschlag für stärkere und selbst-bewusste progressive Handlungsfähigkeit innerhalb von Organisationen lautet „transformative Zellen“.
Wir erleben eine tiefe Krise industrieller Produktion, die mit der Gefährdung oder dem realen Verlust von Arbeitsplätzen einhergeht. In der Automobilindustrie führt das etwa dazu, dass die IG Metall in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Verband der Automobilindustriedie weitere Produktion von Verbrennermotoren über das Ausstiegsziel 2035 unterstützt. Darin zeigt sich die Dynamik aktueller Entwicklungen. Noch 2024 rief die IG Metall in einem Positionspapier gemeinsam mit der EVG und Akteuren der Verkehrswende dazu auf: „Die Verkehrswende starten – ökologisch, ökonomisch, sozial“. Angesichts der massiven Arbeitsplatzverluste und gewerkschaftspolitischen Defensive wird in der IG Metall inzwischen aber die Konversion in Rüstungsgüter befürwortet.
Doch damit sind die ökologische Krise, bzw. die Klimakrise, und die damit einhergehenden Transformationskonflikte nicht einfach verschwunden. Der britische Gewerkschaftsdachverband TUC warnt vor „eskalierenden Klima-Desastern“ und hat ein Jahr der „Climate Action“ ausgerufen. Die gesellschaftspolitischen Alternativen für den notwendig tiefgreifenden sozialen und ökologischen Umbau sind vielfach formuliert. Inhaltliche Ansatzpunkte bieten beispielsweise die Vision „Zukunft für alle“ des Konzeptwerks Neue Ökonomie (Kuhnhenn et al. 2020), die Zusammenfassung des vorhandenen wissenschaftlichen Wissens für „Strukturen für ein klimafreundliches Leben in Österreich“ (Görg et al. 2023) oder der „Plan für den sozialen und ökologischen Umbau“ der Arbeiterkammer Wien. Die Potenziale zum Umbau des Mobilitätssektors und damit verbundenen möglichen Arbeitsplatzgewinnen werden in den Studien „Spurwechsel“ für Deutschland oder „Die Mobilitätswende produzieren“ für Österreich ausformuliert.
Es mangelt also nicht an Vorschlägen und Initiativen, sondern die Bekämpfung der Klimakrise wird von akuteren Problemen und Krisendynamiken überlagert: die steigenden Lebenshaltungskosten, die Wirtschafts- und Beschäftigungskrise, geopolitische Verwerfungen und die Stärkung der autoritären bis faschistischen Rechten. Doch es fehlt zusätzlich aktuell an der machtpolitischen Option, eine progressive sozial-ökologische Agenda umzusetzen. Daran schließen sich Fragen an: Wie können die herrschenden Macht- und Vermögensverhältnisse verändert werden? In welcher Form können konkrete Alternativen „im Kleinen“, aber auch gesellschaftlich Interessen neu entwickelt oder bestehende Ansätze gestärkt werden? Eine Teilantwort lautet: Eine machtpolitische Option gegen die fossile Ausrichtung der Wirtschaft und die damit verbundenen mächtigen Wirtschaftsinteressen muss dabei auch innerorganisatorisch, in Staatsapparaten, Gewerkschaften und anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen formuliert und vorbereitet werden.
Dazu mache ich einen Vorschlag im Hinblick auf progressive Handlungs- und Strategiefähigkeit. Denn Transformationskonflikte werden nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene ausgetragen, sondern auch innerhalb der Organisationen. Jene Gruppen und Netzwerke, die einen ambitionierteren sozialen und ökologischen Umbau vorantreiben wollen, nennen Markus Wissen und ich noch sehr vorläufig „transformative Zellen“ (Brand/Wissen 2024: 235-242).
Transformative Zellen
Zwecke und Ziele von verschiedenen Organisationen sind nicht in Stein gemeißelt und daher umkämpft. Das bedeutet, dass verschiedene Organisationen heterogen und widersprüchlich sind. Viele Organisationen verfügen ohnehin über demokratische interne Strukturen und Mitbestimmungsmöglichkeiten, die Einfallstore für progressive Anliegen sein können. Das eröffnet Handlungsspielräume in Organisationen, die mit klugen Strategien und Taktiken genutzt werden können. Einzelne Bereiche sind nicht immer vollständig „von oben“ kontrollierbar. Es gibt bei Menschen, Gruppen, Netzwerken oder sogar Abteilungen ein eigenes Wissen, mit dem möglicherweise eigene Agenden formuliert und vorangebracht werden können. Das bietet Chancen für progressive soziale und ökologische Anliegen in Betrieben, Gewerkschaften, staatlichen Apparaten, Medien, Schulen, Hochschulen, Verbänden und anderen Organisationen.
„Transformative Zellen“ ist kein fixer Begriff, sondern eine Bezeichnung für sehr unterschiedliche Gruppen, formelle wie informelle Netzwerke innerhalb von Organisationen, die ganz konkret eine sozial-ökologische Ausrichtung der Organisation stärken wollen. Der Begriff soll dazu beitragen, dass sich engagierte Akteure selbst-bewusster sehen und agieren. So kann beispielsweise Wissen darüber entstehen, inwieweit ökologisch nachhaltigere Produkte technisch und wirtschaftlich sinnvoll etwa in der Nahrungsmittelindustrie produziert werden können. Oder wie Schienenfahrzeuge oder Elektrobusse anstatt von Autos hergestellt werden können und über welche Wege und mit welchen (Druck-)Mitteln entsprechende Vorschläge ans Management und in die Belegschaft gelangen. Die Metapher der Zelle verweist auf gutes Wachstum und das Herstellen von Verbindungen.
Die individuelle wie auch kollektive Handlungsfähigkeit von transformativen Zellen hängt an vielfältigen Faktoren wie unter anderem: eigenes Wissen, Erfahrung, Vernetzung innerhalb und außerhalb der Organisation, an Motivation sowie an finanziellen, zeitlichen und institutionellen Ressourcen. Und sicherlich gehören auch etwas Mut und eine Art (kollektiver wie individueller) rebellischer Subjektivität innerhalb der Organisation auszubilden.
Wir gehen davon aus, dass Akteure in transformativen Zellen durch geteilte Welt- und spezifische Situationsdeutungen verbunden sind. Neben Vertrauen, Konfliktfähigkeit nach innen und außen sowie strategischer und taktischer Klugheit geht es auch um eine gewisse innere Kohäsion. Offenheit und Lernbereitschaft sind wichtig, sich nicht von Rückschlägen entmutigen zu lassen, wenn etwa aktuell der Krise der Automobilindustrie mit der Produktion von militärischen Gütern und nicht mit der Herstellung von nachhaltigen öffentlich nutzbaren Verkehrsmitteln begegnet werden soll. Gute Verbindungen zum Außen, also anderen progressiven Akteuren in anderen Organisationen, sind auch deswegen wichtig, um nicht von organisatorischen Rationalitäten, Hierarchien und Prioritären „aufgesogen“ zu werden.
Die konkreten Handlungsziele und -repertoires, um grundlegende soziale und ökologische Umbauprozesse voranzutreiben, sind vielfältig (und deren Erforschung wäre eine lohnenswerte Aufgabe): Einfluss nehmen auf Organisationsstrategien und deren Umsetzung, sich als transformative Zelle eine gewisse Autonomie, Entscheidungsbereiche und -kompetenzen erkämpfen (etwa bei Stellenbesetzungen oder der Verfügung über Ressourcen), spezifische Qualifizierungen der Mitarbeitenden, die Demokratisierung der Organisation, grundlegende und konkrete Alternativen denkbar zu machen und zu fördern. Derart könnten beispielweise in der Chemieindustrie jene Teile gestärkt werden, die auf ressourcenschonende und umweltfreundliche Produktion setzen, aber auch der Expansionsdynamik der nicht-nachhaltigen Chemie Einhalt bieten.
Innerhalb der Organisationen haben transformativen Zellen auch Möglichkeiten, die Gegenseite spalten, zumindest teilweise ihre Anliegen zu delegitimieren und „Sand im Getriebe“ bei falschen Vorhaben zu sein. Motivation und Selbstbewusstsein können wahrscheinlich gesteigert werden in dem Bewusstsein, Teil einer progressiven Strömung zu sein. Vernetzung nach außen zu Gleichgesinnten, gegebenenfalls Medien u.a., spielt hier sicherlich eine Rolle. Zentral ist auf einer allgemeinen Ebene die Verschiebung von gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen. Wichtig ist dafür der „Blick fürs Ganze“ und für politische und wirtschaftliche Zusammenhänge, für beabsichtigte und vielleicht unbeabsichtigte Nebenfolgen des Handelns. Wenn die (macht-)politischen Rahmenbedingungen, etwa Austeritätspolitik, die damit einhergehenden Ängste und die gleichzeitige Zunahme von Vermögen, berücksichtigt werden, können Strategien angemessener formuliert werden und erhalten eher Unterstützung.
Denn die Möglichkeiten innerorganisatorischen progressiven Handelns hängen auch an allgemeinen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – wenn es etwa eine Krise gibt, die herrschenden Kräfte nicht mehr zur Führung und Lösung gesellschaftlicher Probleme in der Lage sind und den Subalternen keine Angebote mehr machen können. Oder wenn breit verankerte und akzeptierte Diskurse und Weltvorstellungen brüchig werden – dass etwa die Reichen ihr Vermögen „verdienen“ oder dass Wirtschaftswachstum am Ende für alle gut ist. Dann öffnen sich Möglichkeitsfenster, die gesehen, eingeschätzt und genutzt werden müssen. Förderlich für emanzipatorische Handlungsfähigkeit ist auch eine gewisse gesellschaftliche Aufbruchstimmung, eine breit geteilte, auch affektiv wirksame Erfahrung, dass das eigene Tun „den Unterschied“ macht.
Nicht alles kann von transformativen Zellen durchgeplant werden, es entstehen gerade im Prozess viele durchaus kontingente Situationen, etwa ein Leitungswechsel, unvorhergesehene Bündnispartner*innen oder ein Politikwechsel „oben“. Das kann auch der Fall sein, wenn Strategien für ein Umschwenken der Organisation hin zu einem ambitionierteren sozialen und ökologischen Umbau erste Erfolge zeitigen. Erfolgreich ausgetragene Konflikte können damit durchaus zum Motor von sozial-ökologischen Umbauprozessen werden.
Der Begriff der „transformativen Zellen“ ist keine magic bullet progressiven Handelns unter Bedingungen und angesichts von regressiven Dynamiken die meist in eine andere gesellschaftspolitische Richtung zeigen. Er kann aber dazu beitragen, machtkritische Selbst-Verständnisse und Selbst-Verhältnisse zu fördern, um den dringend notwendigen gerechten Strukturwandel (Just Transition) anzugehen.
Doch der Begriff der transformativen Zellen könnte sich auch als hilfreich erweisen, um eine Verschlechterung der Verhältnisse abzuwenden. Ich komme darauf zurück.
Soziale Bewegungen und Verbände
Soziale Bewegungen sind in vielen gesellschaftspolitischen Diskussionen die wichtigsten Kandidatinnen für den sozialen und ökologischen Umbau. Unter ihnen werden meist Protestbewegungen mit progressiven Anliegen verstanden. Auch wenn ihnen oft ein geringerer Organisationsgrad zugeschrieben wird, sondern eher das niedrigschwellige Engagement viele Menschen betont wird, haben gerade historische Bewegungen wie die Arbeiter*innenbewegung komplexe Organisationen wie Gewerkschaften ausgebildet. Auch die Naturschutzbewegung hat ihre eigenen und ideologisch sehr unterschiedlichen Umweltverbände, die historische Frauen- und feministische Bewegung ihre Organisationen herausgebildet. Solche Organisationen können auch die Bewegung koordinierende Büros sein wie bei Attac. Menschen aus Bewegungen gründen thematisch einschlägige Zeitschriften und Verlage oder Thinktanks, damit werden Wissen und Diskussionsräume geschaffen, Erfahrungen weitergegeben, selbst wenn die Bewegung abflaut. Bis heute gibt es eine Vielzahl internationalistischer Zeitschriften und Verlage, die aus der Dritte-Welt-Bewegung stammen. Ähnliches gilt für die feministische, anti-rassistische, Ökologie oder Alternativbewegung. In diesem Sinne spricht der Bewegungsforscher Dieter Rucht mit Kollegen (1997) etwa von „Bewegungsinfrastrukturen“.
Es gibt also aus sozialen Bewegungen heraus entstandene wie relativ unabhängig davon gegründete kleine wie große Verbände, die sich sozial-, umwelt-, frauen-, migrations- oder entwicklungspolitisch engagieren. Solche Organisationen sind arbeitsteilig organisiert, haben bezahlte Mitarbeiter*innen – bedürfen daher der Finanzierung –, betreiben Interessenvertretung (advocacy), erstellen Studien, unterstützen Projekte im In- und Ausland, sind international vernetzt und oft Teil neu entstehender Bewegungen. Mit dem Begriff der transformativen Zellen kann gerade in großen, finanzstarken und politisch einflussreichen Interessenverbänden thematisiert werden, dass und wie diese sich stärker transformativen Agenden verschreiben.
Der Staat als Protagonist emanzipatorischer Politik?
Die zumindest vorübergehende Institutionalisierung emanzipatorischer Errungenschaften und veränderter, weniger kapitalfreundlicher und post-fossiler Kräfteverhältnisse ist entscheidend. Der Staat ist hier zentral (Brand/Lang 2025).
Der Staat bzw. die verschiedenen staatlichen Apparate auf internationaler, supranationaler, nationaler, regionaler und kommunaler Ebene verfügen über spezifische Steuerungsmacht. Trotz der gegenwärtigen ungünstigen Kräfteverhältnisse könnte er potenziell mit seinen Finanzen und administrativen Ressourcen, per Gesetzgebung und Anerkennung bzw. Unterstützung progressiver Akteure dem (fossilen) Kapital etwas entgegensetzen. Sich verändernde Kräfteverhältnisse und Interessenkonstellationen hin zu progressiven sozialen und ökologischen Anliegen könnten verschoben und abgesichert werden.
Doch das macht „der Staat“ nicht als autonom handelnder Akteur, der Probleme löst oder im Sinne eines gesellschaftlichen Allgemeininteresses (etwa an guten Lebensbedingungen für alle) agiert. Vielmehr ist der Staat bzw. sind staatliche Politiken selbst Ausdruck und Teil gesellschaftlicher Kämpfe und kapitalistischer Strukturen. Und die kämpfenden Akteure verfügen über höchst ungleich verteilte Ressourcen. Die Besitzer der großen Vermögen und das Top-Management der Konzerne entscheiden über Investitionen und damit über Arbeitsplätze, sie beeinflussen die öffentliche Meinung, organisieren sich über ihre Verbände, produzieren über ihre Denkfabriken Wissen.
Der marxistische Staatstheoretiker Nicos Poulantzas hat vor 50 Jahren in seiner bahnbrechenden „Staatstheorie“ (1978/2002) den Gedanken entwickelt, dass die „allgemeine Funktion des Staates“ darin bestehe, die Bedingungen kapitalistischer Reproduktion zu sichern. Das ist ein hochkonfliktiver Prozess, dessen Ergebnis keineswegs gesichert ist. Im Prinzip kann die Macht des (fossilen) Kapitals infrage gestellt werden, aber nur durch einen viel breiteren gesellschaftlichen Mobilisierungs- und Veränderungsprozess als über staatliche Politik.
Ein Grund liegt Poulantzas zufolge darin, dass die herrschenden Klassen und Klassenfraktionen auch vermittels bestimmter staatlicher Apparate über Macht verfügen beziehungsweise sich dort ihre Macht kristallisiert – man denke heute an die Wirtschafts- und Finanzministerien. Einige Mitglieder der aktuellen Bundesregierung sind der direkte und unverfrorene Ausdruck dessen, wie das fossile Kapital in der Lage ist, Personal an die Spitze wichtiger Staatsapparate zu setzen; aktuell zu besichtigen im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Umgekehrt könnten, so Poulantzas, die beherrschten Klassen und ihre Repräsentan*innen wie die Gewerkschaften nicht auf ähnlich starke staatliche Apparate zählen. Auch ein Sozialministerium ist zwar offener gegenüber den Interessen der Regierten, bleibt aber eng mit kapitalistischen Interessen und Logiken verbunden.
Über Poulantzas hinausgehend: Der Staat in seiner Struktur selbst ist ein fossil-kapitalistischer Staat, sei es mit seinem historisch liberalen „Gesicht“ des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, später im Westen wie im Osten als Wohlfahrtsstaat, dann seit den 1980er Jahren in seiner neoliberalen oder aktuell verstärkt geoökonomischen Ausrichtung. Der Staat ist daher strukturell mit der kapitalistisch-fossilen Wachstumsökonomie verbunden, erhält nicht zuletzt von dieser seine Ressourcen und Legitimation (Brand et al. 2025).
Der griechisch-französische Intellektuelle wies aber auch auf „Oppositionszentren“ in den staatlichen Apparaten hin. Und die gibt es ja vielfach, wenn sich Menschen oder Gruppen in Apparaten gegen Weisungen „von oben“ oder „von außen“ wehren, weil sie aus ihrer Sicht in die falsche Richtung gehen: Nämlich in Richtung mehr fossile Energie zu fördern oder zu verwenden bzw. die Energiewende auszubremsen, unsoziale oder migrationsfeindliche Politik zu betreiben oder die Ungleichheit zwischen Klassen oder Geschlechtern zu vertiefen.
Wie gesagt, unterliegt staatliche Politik viel stärkeren strukturellen Zwängen als etwa ein Umweltverband wie der BUND. Der Staat ist in seiner Finanzierung und seiner Legitimität auf eine expandierende kapitalistische Ökonomie angewiesen. Das wirkt sich auch darauf aus, wie progressive soziale und ökologische Anliegen innerhalb der staatlichen Apparate formuliert werden können. Die transformativen Zellen könnten das als ihren Handlungskontext reflektieren.
Eine neuere und sehr dynamische Entwicklung in Bezug auf den Staat und das System der Rechtsprechung sind die Klimaklagen, also die juridischen Auseinandersetzungen um sozial-ökologischen Umbau. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von 2021 gegen das Klimagesetz der damaligen Bundesregierung war ein wichtiger Erfolg der Klimabewegung, vertreten durch die Deutsche Umwelthilfe (Gerstetter 2023). Insofern ist möglicherweise auch das Feld der Rechtsprechung relevant aus Perspektive transformativer Zellen. Es geht also nicht nur darum, ob transformative Zellen selbst konkrete politische „Ergebnisse“ ihres Handelns erzielen, sondern auch um das Ausnutzen und Verstärken von Widersprüchen innerhalb von staatlichen Apparaten.
Die Rolle der Gewerkschaften im sozialen und ökologischen Umbau
Zu den bislang genannten Sektoren bzw. Akteuren kommt auch der Unternehmenssektor dazu. Insbesondere in öffentlichen Unternehmen gibt es Spielraum um die Unternehmensziele, weil dort eher politische Ziele vorgegeben werden können. Die großen Bereiche des sog. Dritten Sektors der nicht-profitorientierten Unternehmen, etwa der Kirchen oder Genossenschaften, die oft als „Nischen zwischen Markt und Staat“ angesehen werden, sind für die Daseinsvorsorge, aber auch beschäftigungspolitisch wichtig. Aber selbst in privatkapitalistischen Unternehmen, die am Prinzip der Profitmaximierung ausgerichtet sind, gibt es durchaus Konflikte um eine sozial-ökologische Ausrichtung von Unternehmensstrategien. Diese Konflikte werden in vielen Fällen von arbeitsorientierten Kräften wie Betriebsräten angestoßen und gegen den Widerstand des Managements vorangetrieben. Auch hier stellt sich die Frage, ob und wie transformative Zellen die Strategie- und Konflikthaftigkeit für einen gerechten sozial-ökologischen Strukturwandel stärken könnten.
Das ist eingebettet in übergreifende Fragen, die für einen gerechten sozial-ökologischen Strukturwandel zentral sind: Wie stellen sich die Gewerkschaften und Betriebsräte gegen Kapitalinteressen und können Demokratisierungsprozesse in Gesellschaft, Unternehmen und Betrieben gegen die regressiven Tendenzen voranbringen (Urban 2025)?
Gewerkschaften sind zuvorderst dafür da, die Interessen der Beschäftigten an guten Arbeitsbedingungen, angemessener Entlohnung und sozialer Absicherung zu vertreten. Aufgrund ihrer Machtressourcen und hervorgehobenen Stellung in der Sozialpartnerschaft sind sie aber auch zentral für jeglichen progressiven Umbauprozess. Lange spielten die Interessen von Frauen oder feministische Themen kaum eine Rolle und mussten innerhalb der Gewerkschaften von entschiedenen Menschen und Gruppen erkämpft werden, haben in der Folge die Organisationen verändert.
Dasselbe gilt für angemessene Antworten auf die ökologische Krise. Es braucht konkrete Menschen, Initiativen und Entscheidungen, um Organisationen zu verändern – und strategische Klärungen, was wie geschehen soll. Ein Beispiel für solche Klärungen ist die von der Wiener Arbeiterkammer im Jahr 2022 initiierte die Plattform für soziale und ökologische Bündnisse als Austauschraum zwischen Gewerkschaften, Arbeiterkammer, engagierten Betriebsrät:innen, Klimabewegungen und kritischer Wissenschaft. Inwiefern die Analysen und Diskussionen dann in die Strategiebildung der Interessenvertretungen einfließen, muss sich zeigen. Doch dazu bedarf es handelnder Akteure, die sich immer wieder vergewissern, bei welchen Themen und in welchen Bereichen sie Wirkung erzielen können, mit wem sie am ehesten innerhalb der Organisation und außerhalb kooperieren, welche Initiativen und Forderungen am ehesten anschlussfähig sind, wie die Weitergabe von Erfahrungen gewährleistet wird.
Aktuell könnte die Perspektive der transformativen Zellen Beschäftigte, Vertrauensleute, Betriebrät*innen und Gewerkschaftsfunktionär*innen ermuntern gegen die Verlockungen der Rüstungsindustrie anzugehen. Ein Beitrag könnte darin liegen, auf die Verantwortung von Management und Anteilseignern an der Krise hinzuweisen und ihrem Interesse, ggf. nun über die Produktion von Rüstungsgütern die Profitabilität aufrecht zu erhalten. Dazu müssen auch innerhalb der IG Metall andere Positionen gestärkt werden.
Ein anderer, ebenso wichtiger Beitrag in der aktuellen Situation wäre, auf die möglichen Alternativen von Industrieproduktion für ein sozial und ökologisch nachhaltiges Mobilitätssystem und die damit verbundenen Chancen für Beschäftigung hinzuweisen (siehe die Beispiele oben im Text). Das könnte in eine Positionierung und dann konkrete Strategien im Sinne einer sozial-ökologischen Konversion der Automobilindustrie hin zu Mobilitätsunternehmen münden.
Insgesamt sollen der Begriff bzw. die Metapher der transformativen Zellen unsere politische Phantasie anregen, konkrete Handlungsmöglichkeiten für progressives Handeln auszuloten sowie diese strategisch und taktisch umsichtig zu ergreifen. Das geht nur in Zusammenspiel mit anderen. Transformative Zellen ist keine Handlungsanleitung. Und die Kraft des Begriffs liegt weniger in seiner analytischen Schärfe, sondern in seinem Potenzial, angesichts der vielfach politisch desaströsen Entwicklungen widerständige Strategien zu stärken – auch wenn das vielfach defensiv ist. Darüber können grundlegende Alternativen wieder attraktiv und realisierbar gemacht werden.
Für wertvolle Hinweise zu einer früheren Version des Textes danke ich Tobias Boos, Carolin Brodtmann, Achim Brunnengräber, Barto Häussling-Löwgren, Stephan Krull, Neva Löw, Magdalena Polloczek, Oliver Prausmüller, Saida Ressel, Etienne Schneider, Felix Wagenitz und Markus Wissen.
Literatur
Brand, Ulrich/Hausknost, Daniel/Brad, Alina/Eyselein, Gabriel/Krams, Mathias/Maneka, Danyal/Pichler, Melanie/Schneider Etienne (2025): Die strukturellen Grenzen des Dekarbonisierungsstaates. In: PROKLA. Zeitschrift für Kritische Sozialwissenschaft, 55(221), 801-820.
Brand, Ulrich/Lang, Miriam (2025): Was ist bei sozial-ökologischen Transformationen vom Staat zu erwarten? In: Lang, Miriam/Manahan, Mary Ann/Bringel, Breno: Grüner Kolonialismus. Zwischen Energiewende und globaler Gerechtigkeit. München: oekom, 150-163.
Brand, Ulrich/Wissen, Markus (2024): Kapitalismus am Limit. Öko-imperiale Spannungen, umkämpfte Krisenpolitik und solidarische Perspektiven. München.
Brangsch, Lutz (2014): Transformationsprozesse und ihre Politisierung in Einstiegsprojekten. In: Brie, Michael (Hrsg.): Futuring. Transformation im Kapitalismus über ihn hinaus. Münster, 368-391.
Gerstetter, Christiane (2023): Gerichtsverfahren und die Kämpfe um eine sozial-ökologische Transformation. In: Prokla 53(210), 161-168.
Kuhnhenn, Kai/Pinnow, Anne/Schmelzer, Matthias/Treu, Nina/Konzeptwerk Neue Ökonomie u.a. (2020): Zukunft für alle. Eine Vision für 2048: gerecht. ökologisch. machbar. München.
Rucht, Dieter/Blattert, Barbara/Rink, Dieter (1997): Soziale Bewegungen auf dem Weg zur Institutionalisierung. Frankfurt/M. und New York.
Urban, Hans-Jürgen (2025): Demokratie als Transformationsressource. Über Regression, Resilienz und Progression in der kapitalistischen Demokratie. In: Wannöffel, Manfred/Hoose, Fabian/Niewerth, Claudia/Urban, Hans-Jürgen (Hg.): Mitbestimmung und Partizipation 2030. Demokratische Perspektiven auf Arbeit und Beschäftigung. Baden-Baden, 31-47.
Die Beiträge der Serie
- Neva Löw/Sarah Mewes/Magdalena Polloczek: Konflikte um eine sozial gerechte Klimawende (08.10.2025)
- Markus Wissen: Transformationskonflikte und globale Klimagerechtigkeit (09.10.2025)
- Neva Löw/Maximilian Pichl: Wie Klimakrise und globale Migration miteinander verbunden sind (13.10.2025)
- Silke Bothfeld/Peter Bleses: Gleichstellung im Arbeitsmarkt – Welche Herausforderungen bringt die ökologische Transformation? (21.10.2025)
- Marischa Fast/Stefanie Bühn/Johanna Weis: Gesundheitsschutz im Kontext der Klima- und Umweltkrisen – ein Thema für die Arbeitswelt (27.11.2025)
- Rahel Weier/Miriam Rehm/Neva Löw: Wie Gendereinstellungen Klimasorgen prägen (29.01.2026)
- Marian Jacobs: Wärme als öffentliche Aufgabe (16.04.2026)
- Indira Dupuis: Gleichstellung mit zukunftsorientierter Weiterbildung in der Chemie- und Pharmabranche (07.05.2026)
- Tanja Brumbauer/Sarah Mewes: Reichtum und Klimakrise: Können wir uns die Reichen noch leisten? (21.05.2026)
- Tom Krebs/Patrick Kaczmarczyk: Grüner Stahl: Warum Deutschland seine Stahlindustrie braucht (08.07.2026)
- Sarah Mewes/Leon Raabe: Beschäftigte im Kreuzfeuer der Transformationskonflikte der Automobilindustrie (24.07.2026)
- Ulrich Brand: Wie wir durch „transformative Zellen“ ins Handeln kommen (21.08.2026)
weitere Beiträge in Vorbereitung
Die Blogserie ist eine Zusammenarbeit zwischen dem WSI und dem Next Economy Lab (NELA). Das WSI-Herbstforum 2025 hat sich unter dem Titel „Krisen, Kämpfe, Lösungen: Transformationskonflikte im sozial-ökologischen Wandel“ dem Thema ebenfalls gewidmet. Bei NELA entsteht diese Reihe im Rahmen des Projektes „Team soziale Klimawende“, in dem Gewerkschaftsmitglieder aus IG Metall und ver.di in einer übergewerkschaftlichen Fortbildungsreihe zu Transformationspromotor*innen ausgebildet werden. Sie lernen die soziale Klimawende vor Ort und in ihren Betrieben selbst mitzugestalten, Unterstützer*innen zu gewinnen und Widerständen aktiv zu begegnen. Das Projekt wird von der Mercator Stiftung unterstützt.
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Autor
Ulrich Brand, Professor für Internationale Politik an der Universität Wien, Mitherausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“, Leiter eines von der österreichischen Regierung geförderten Forschungsprojektes zu Gerechtem Strukturwandel (Just Transition) mit der Arbeiterkammer Wien.