Quelle: Jochen Tack
Tom Krebs/Patrick Kaczmarczyk, 08.07.2026: Grüner Stahl: Warum Deutschland seine Stahlindustrie braucht
Die Transformation der Stahlindustrie ist entscheidend für Klimaneutralität, wirtschaftliche Resilienz und demokratische Stabilität. Statt Importabhängigkeit braucht Deutschland Investitionen in klimaneutrale Produktion und Infrastruktur.
Die Stahlindustrie gehört zu den emissionsintensivsten Branchen des Landes – ohne ihre Dekarbonisierung ist Klimaneutralität nicht erreichbar. Doch der Umbau hin zu grünem Stahl erfordert milliardenschwere Investitionen und einen grundlegenden Wandel der Produktionsprozesse, der Zehntausende Beschäftigte an den großen Standorten unmittelbar betrifft. Unsere Studie zeigt: Wer statt auf diese Transformation auf eine Verlagerung ins Ausland setzt, gefährdet nicht nur die Klimaziele, sondern auch Deutschlands wirtschaftliche Resilienz und den sozialen Zusammenhalt in den betroffenen Regionen.
Stahl als Fundament der Industrie
Die deutsche Stahlindustrie steht am Beginn wichtiger Wertschöpfungsketten. Als bedeutende Grundstoffindustrie liefert sie einen unverzichtbaren Input für die Bauwirtschaft, den Maschinenbau, die Automobilbranche und die Rüstungsindustrie. Ohne Stahl keine neuen Brücken, Schienen, Windräder und Panzer. Stahl ist in etwa 75 Prozent der Produkte enthalten, die in unserem Alltag eine wichtige Rolle spielen – vom Bürostuhl bis zum Windrad.
Rund vier Millionen Beschäftigte arbeiten in stahlintensiven Branchen. Das entspricht zwei von drei Industriearbeitsplätzen in Deutschland. Die Stahlindustrie generiert direkt etwa 7 Milliarden Euro an Wertschöpfung und ermöglicht indirekt 12,7 Milliarden Euro in nachgelagerten Branchen.
Zugleich steht die Branche vor einer enormen Herausforderung: Die Stahlproduktion ist für rund 7 Prozent der nationalen CO₂-Emissionen verantwortlich. Die Umstellung auf klimaneutrale Verfahren – insbesondere die wasserstoffbasierte Direktreduktion (DRI+H₂) – ist daher ein Schlüsselprojekt der Dekarbonisierung. In einer neuen Studie untersuchen wir die wirtschaftlichen und politischen Kosten, die entstehen würden, wenn Deutschland statt auf Transformation auf eine Verlagerung der Stahlproduktion ins Ausland setzen würde.
Eine massive Investitionslücke bei grünem Stahl
Deutschland ist mit 37,2 Millionen Tonnen Rohstahl (2024) der größte Stahlproduzent in der EU. Langfristig wird ein Produktionsbedarf von 40 bis 45 Millionen Tonnen pro Jahr erwartet, davon rund 20 Millionen Tonnen Primärstahl. Der Anteil der Primärstahlproduktion (heute bei 70 Prozent) wird voraussichtlich auf 50 Prozent sinken, während die Sekundärstahlproduktion aus Schrott an Bedeutung gewinnt.
Dem künftigen Bedarf von 20 Millionen Tonnen Primärstahl steht jedoch lediglich eine geplante klimaneutrale Produktionskapazität von etwa 6,5 Millionen Tonnen gegenüber. Die Gründe: ArcelorMittal, einer der größten Stahlkonzerne der Welt, hat die Transformationspläne für Bremen und Eisenhüttenstadt abgesagt und 1,3 Milliarden Euro an Fördergeldern abgelehnt, Thyssenkrupp verfolgt bislang unzureichende Ausbauziele in Duisburg, und die Salzgitter AG hat die zweite und dritte Ausbaustufe des SALCOS-Projekts – eines Vorhabens zur Umstellung der Stahlproduktion auf wasserstoffbasierte Direktreduktion – um drei Jahre verschoben. Die Ursachen sind struktureller Natur: Hohe und unsichere Energiepreise, fehlende langfristige Abnahmegarantien für grünen Stahl und unsichere politische Rahmenbedingungen machen die Investitionen aus Sicht der Unternehmen zu riskant. Solange grüner Stahl auf dem Markt einen Preisaufschlag gegenüber konventionellem Stahl hat und keine verlässliche Nachfrage gesichert ist, scheuen die Konzerne den Umbau – selbst wenn staatliche Fördermittel bereitstehen. Es klafft damit eine Kapazitätslücke von über 13 Millionen Tonnen pro Jahr allein im Primärstahlbereich.
Dabei drängt die Zeit: Ein Großteil der bestehenden Hochofen-Kapazitäten wird bis Mitte der 2030er Jahre technisch auslaufen. Die letzten Runderneuerungen fanden zwischen 2014 und 2017 statt, die nächste Phase der Erneuerung fällt damit genau in den Zeitraum, in dem der Kohleausstieg und der Umstieg auf Direktreduktionsanlagen stattfinden müssen. Ohne Investitionsentscheidungen in den kommenden Jahren wird die Versorgung mit einem der wichtigsten industriellen Grundstoffe in Deutschland gefährdet.
50 Milliarden Euro Wertschöpfungsverlust im Krisenfall
In unserer Studie stellen wir das Konzept der wirtschaftlichen Resilienz in den Mittelpunkt. Damit meinen wir die Fähigkeit einer Volkswirtschaft, globale Angebots- oder Nachfrageschocks zu absorbieren. Konkret modellieren wir ein Szenario, in dem große Stahlexporteure – etwa China, das über die Hälfte des weltweiten Stahls produziert – aufgrund geopolitischer Entwicklungen ihre Exporte nach Europa drastisch einschränken. Hätte Deutschland in einem solchen Szenario seine gesamte Stahlproduktion ins Ausland verlagert, wären die wirtschaftlichen Folgen gravierend.
Auf Basis eines angebotsseitigen Input-Output-Modells (Ghosh-Modell), das die sektoralen Verflechtungen der deutschen Volkswirtschaft abbildet, berechnen wir die Kosten eines vollständigen Wegfalls der heimischen Stahlversorgung. Die Ergebnisse zeigen einen Wertschöpfungsverlust von bis zu 50 Milliarden Euro pro Jahr – das entspricht 1,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dieser Verlust setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: Erstens gibt es einen negativen Angebotseffekt: Der fehlende Stahl würde die Produktion in nachgelagerten Branchen erheblich beeinträchtigen. Besonders betroffen wären die Herstellung von Metallerzeugnissen (Produktionswertverlust von fast 15 Milliarden Euro), der Maschinenbau (6 Milliarden Euro) und die Automobilindustrie (7 Milliarden Euro). Die Bruttowertschöpfungsverluste allein durch diesen Kanal würden sich auf 24 Milliarden Euro belaufen. Zweitens folgt ein negativer Nachfrageeffekt: Die Einkommensverluste der privaten Haushalte würden die Güternachfrage zusätzlich verringern. Mit einem empirisch fundierten Fiskalmultiplikator von 1,1 ergibt sich ein weiterer Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion von rund 26 Milliarden Euro.
Beschäftigungseffekte: Regionale Konzentration und politische Sprengkraft
Es ist wichtig zu bedenken, dass die wirtschaftlichen Verluste über abstrakte Produktionszahlen hinausgehen. Die Stahlindustrie sichert in Deutschland direkt rund 70.000 Arbeitsplätze. Unter Berücksichtigung indirekter und induzierter Effekte (also der Beschäftigung in Zulieferbranchen und der durch Konsumausgaben erzeugten Nachfrage) ergibt sich eine Gesamtbeschäftigungswirkung von rund 547.000 Arbeitsplätzen. Auf jeden direkt in der Stahlindustrie Beschäftigten kommen also fast acht weitere Arbeitsplätze in der übrigen Wirtschaft.
Besonders alarmierend ist die regionale Konzentration der Betroffenheit. Die fünf zentralen Standorte der Primärstahlproduktion – Bremen, Duisburg, Eisenhüttenstadt, Salzgitter und das Saarland – wären von einer Verlagerung am härtesten getroffen. Eine aktuelle Studie des IW Consult verdeutlicht die Dramatik am Beispiel Duisburg: Bereits bei einem Abbau von 1.000 Arbeitsplätzen in der Stahlindustrie gingen rund 5.000 Stellen in der Region verloren. Im Worst-Case-Szenario, einem Abbau von 11.000 Arbeitsplätzen, summieren sich die gesamtwirtschaftlichen Verluste auf knapp 55.000 Stellen in Deutschland, davon 13.000 allein in Duisburg. Das BIP der Stadt würde um 6,2 Prozent einbrechen.
Die Altersstruktur der Beschäftigten verschärft das Problem: 42 Prozent der Beschäftigten in der Stahlindustrie sind über 50 Jahre alt. Erfahrungen mit Strukturbrüchen zeigen, dass gerade ältere Industriearbeiter nach dem Jobverlust überdurchschnittlich lange arbeitslos bleiben. Im Ruhrgebiet lag die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit bei rund 585 Tagen. Lediglich 14 Prozent der Abgänge aus der Langzeitarbeitslosigkeit führen in reguläre Beschäftigung. Wer wieder eine Stelle findet, muss oft erhebliche Lohnverluste hinnehmen.
Deindustrialisierung und Rechtspopulismus: Eine gefährliche Dynamik
Der Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Niedergang in Industrieregionen und dem Erstarken rechtspopulistischer Parteien ist empirisch gut belegt. In den USA trugen jahrzehntelange Arbeitsplatzverluste im sogenannten „Rust Belt“ entscheidend zur Wahl von Donald Trump 2016 bei (Autor et al., 2020). Im Vereinigten Königreich stimmten die deindustrialisierten Regionen in den East und West Midlands mit rund 59 Prozent für den Brexit – in London und Schottland waren es nur 38 bis 40 Prozent (Blackaby et al., 2020; Fetzer, 2019).
Für Deutschland ist somit Vorsicht geboten: Eine Politik, die auf die Verlagerung industrieller Wertschöpfung setzt und die Arbeitsplätze in Bremen, Duisburg oder Eisenhüttenstadt aufs Spiel setzt, wäre de facto ein Konjunkturprogramm für die AfD. In Regionen, die ohnehin von wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt sind, würde ein Strukturbruch in der Stahlindustrie das Misstrauen gegenüber etablierten Parteien und Institutionen weiter verschärfen.
Das Outsourcing-Argument greift zu kurz
Kritiker einer deutschen Stahlstrategie argumentieren, die energieintensive Primärstahlproduktion solle ins Ausland verlagert werden, während die Weiterverarbeitung in Deutschland verbleibe. Dieses Argument klingt zunächst plausibel, greift aber aus mehreren Gründen zu kurz.
Zum einen würde die Resilienz der deutschen Wirtschaft erheblich geschwächt. Die Argumentation für eine Auslagerung beruht auf der unrealistischen Annahme, dass globale Lieferketten stets reibungslos funktionieren. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre – die Coronapandemie, die Energiekrise, der Krieg in der Ukraine, die erratische Handelspolitik der Trump-Regierung sowie die jüngste Eskalation der Gewalt in Nahost – haben das Gegenteil bewiesen. Zum anderen ist die Wertschöpfungskette in der Stahlindustrie eng technisch und logistisch verzahnt. Eine Abspaltung der Roheisenerzeugung führt beispielsweise zu höheren Energiekosten im nachgelagerten Elektrolichtbogenofen, da die Prozesswärme des heißen Eisens nicht genutzt werden kann. Auch die Hoffnung, Länder wie Spanien könne den Produktionsausfall in Deutschland notfalls kompensieren, lässt sich nicht belegen: Die dort geplanten zusätzlichen Kapazitäten belaufen sich auf nur rund 3 Millionen Tonnen – ein Bruchteil der deutschen Primärstahlkapazität.
Fazit: Transformation statt Verlagerung
Unsere Studie zeigt: Die Resilienz der deutschen Wirtschaft hängt entscheidend davon ab, ob es gelingt, die Stahlindustrie als industrielles Rückgrat zu erhalten und klimaneutral zu transformieren. Die Investitionslücke bei grünem Stahl muss dringend geschlossen werden. Der Ausbau von Direktreduktionsanlagen und Wasserstoffinfrastruktur an allen fünf zentralen Standorten ist nicht nur eine klimapolitische, sondern auch eine wirtschafts- und gesellschaftspolitische Notwendigkeit.
Eine Politik, die auf die billige Importlösung setzt, riskiert nicht nur jährliche Wertschöpfungsverluste von bis zu 50 Milliarden Euro im Krisenfall. Sie riskiert auch den sozialen Zusammenhalt in den betroffenen Regionen. Wo Industriearbeitsplätze wegbrechen und keine glaubwürdige wirtschaftliche Perspektive folgt, erodiert das Vertrauen in politische Institutionen und demokratische Prozesse – vom Rust Belt über die britischen Midlands bis ins Ruhrgebiet lässt sich dieser Zusammenhang nachzeichnen. Die Transformation der Stahlindustrie ist daher nicht nur eine industriepolitische Aufgabe, sondern eine Frage der demokratischen Stabilität.
Literatur
Autor, D., Dorn, D., Hanson, G., und Majlesi, K. (2020): Importing political polarization? The electoral consequences of rising trade exposure. American Economic Review, 110, 3139-3183.
Blackaby, D., Drinkwater, S., und Robinson, C. (2020): Regional variations in the Brexit vote: Causes and potential consequences (IZA Discussion Paper No. 13579). Institute of Labor Economics (IZA).
Fetzer, T. (2019): Did austerity cause Brexit? American Economic Review, 109, 3849-3886.
Hönig, L., und Zink, B. (2025): Strukturbruch in der Stahlregion Duisburg. IW Consult.
Kaczmarczyk, P., und Krebs, T. (2025): Grüner Stahl als zentraler Pfeiler einer resilienten Wirtschaft. Kompetenzzentrum für Transformationsforschung, Universität Mannheim.
Material Economics. (2019): Industrial transformation 2050: Pathways to net-zero emissions from EU heavy industry.
Prognos, Öko-Institut, und Wuppertal-Institut: (2021): Klimaneutrales Deutschland 2045. Studie im Auftrag von Agora Energiewende, Agora Verkehrswende und Stiftung Klimaneutralität.
Verpoort, P., et al. (2024): Decarbonising the EU’s steel industry through green hydrogen imports. Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
Die Blogserie ist eine Zusammenarbeit zwischen dem WSI und dem Next Economy Lab (NELA). Das WSI-Herbstforum 2025 hat sich unter dem Titel „Krisen, Kämpfe, Lösungen: Transformationskonflikte im sozial-ökologischen Wandel“ dem Thema ebenfalls gewidmet. Bei NELA entsteht diese Reihe im Rahmen des Projektes „Team soziale Klimawende“, in dem Gewerkschaftsmitglieder aus IG Metall und ver.di in einer übergewerkschaftlichen Fortbildungsreihe zu Transformationspromotor*innen ausgebildet werden. Sie lernen die soziale Klimawende vor Ort und in ihren Betrieben selbst mitzugestalten, Unterstützer*innen zu gewinnen und Widerständen aktiv zu begegnen. Das Projekt wird von der Mercator Stiftung unterstützt.
Die Beiträge der Serie
- Neva Löw/Sarah Mewes/Magdalena Polloczek: Konflikte um eine sozial gerechte Klimawende (08.10.2025)
- Markus Wissen: Transformationskonflikte und globale Klimagerechtigkeit (09.10.2025)
- Neva Löw/Maximilian Pichl: Wie Klimakrise und globale Migration miteinander verbunden sind (13.10.2025)
- Silke Bothfeld/Peter Bleses: Gleichstellung im Arbeitsmarkt – Welche Herausforderungen bringt die ökologische Transformation? (21.10.2025)
- Marischa Fast/Stefanie Bühn/Johanna Weis: Gesundheitsschutz im Kontext der Klima- und Umweltkrisen – ein Thema für die Arbeitswelt (27.11.2025)
- Rahel Weier/Miriam Rehm/Neva Löw: Wie Gendereinstellungen Klimasorgen prägen (29.01.2026)
- Marian Jacobs: Wärme als öffentliche Aufgabe (16.04.2026)
- Indira Dupuis: Gleichstellung mit zukunftsorientierter Weiterbildung in der Chemie- und Pharmabranche (07.05.2026)
- Tanja Brumbauer/Sarah Mewes: Reichtum und Klimakrise: Können wir uns die Reichen noch leisten? (21.05.2026)
- Tom Krebs/Patrick Kaczmarczyk: Grüner Stahl: Warum Deutschland seine Stahlindustrie braucht (08.07.2026)
weitere Beiträge in Vorbereitung
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Autoren
Tom Krebs ist Professor für Makroökonomik an der Universität Mannheim und Mitglied der Mindestlohnkommission. Er forscht unter anderem zu öffentlichen Investitionen, wirtschaftlicher Resilienz und Klimapolitik.
Patrick Kaczmarczyk ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Makroökonomik an der Universität Mannheim. Seine Forschung befasst sich mit Industriepolitik, wirtschaftlicher Transformation und Entwicklung.