Quelle: Jörg Albrecht
Jacob Hochhaus/Steffen Pelzel, 26.08.2026: Gewerkschaften und politische Bildung in der sozial-ökologischen Transformation: Demokratische Gestaltung von unten?
Gewerkschaftlicher Bildungsarbeit kommt als politischer Bildung eine besondere Rolle zu: Sie kann helfen, Transformationsängsten entgegenzuwirken und Beschäftigte als Expert*innen einer Transformation von unten einzubinden.
Krisen und sich ankündigende gesellschaftliche Transformationen lassen immer wieder den Ruf nach Bildung laut werden – Veränderungen sollen schließlich verstanden und demokratisch gestaltet werden. Der für Gewerkschaften zentrale Zusammenhang von Arbeit und Bildung ist vor diesem Hintergrund in doppelter Hinsicht herausgefordert und relevant: Zum einen stellt sich die Frage, wie die von und in Gewerkschaften geleistete Bildungsarbeit im Angesicht der Anforderungen der sozial-ökologischen Transformation ausgerichtet werden muss (Welche Bildungsangebote gibt es? Was wird als Bildungsziel deklariert? Welche Themen treiben die Beschäftigten um?). Zum anderen ist der Zusammenhang von Arbeit und Bildung vor dem Hintergrund gegenwärtiger sozial-ökologischer Verwerfungen besonders bedeutsam, weil politisches Lernen in Gewerkschaften eine Keimzelle für eine auf Transformation ausgerichtete politische Bildung sein kann. Gewerkschaften rücken als transformatorischer Bildungsort in den Blick. Denn obwohl Gewerkschaften an eine lange Tradition politischer und gewerkschaftlicher Bildungsarbeit anknüpfen können, muss sich die gewerkschaftliche Bildung angesichts multipler Krisen neu orientieren.
Bildung scheint das unwidersprochen beste Mittel gegen den in Krisen spürbaren „Orientierungsnotstand“ (Negt 2016, S. 10). Die als Vielfachkrise beschriebene Situation der Gegenwart, in der sich die Klimakrise, Reproduktionskrise, Krise der finanzdominierten Akkumulation und Demokratiekrise überlagern, stellt allerdings eine historisch-spezifische Konstellation dar. Die einzelnen Krisenprozesse beeinflussen sich wechselseitig und können kaum mehr isoliert begriffen und bewältigt werden (Demirovic et al. 2011). Geopolitische Unsicherheiten, die notwendige Abkehr von fossilen Energien und der damit verbundene Umbau ganzer Wertschöpfungsketten stellen nicht nur technologische, sondern zutiefst gesellschaftliche Herausforderungen dar, denn die sozial-ökologische Transformation greift tief in bestehende Produktions- und Lebensweisen ein und erzeugt Konflikte um Verteilung, Macht und demokratische Teilhabe. Gegenwärtige Entwicklungen, wie die autoritäre Formierung der Gesellschaft, die zunehmende Skepsis gegenüber den Wissenschaften oder der erstarkende Antisemitismus, lassen sich dabei auch als reaktionäre Antworten auf diese tiefgreifenden Umbrüche lesen. Sie spiegeln Verunsicherungen, das Gefühl von Ohnmacht und die begrenzten Möglichkeiten zur politischen Mitgestaltung wider, die den demokratischen Aushandlungsprozess zusätzlich belasten und die Gesellschaft längst an autoritäre Kipppunkte geführt haben (Mullis et al. 2023). Doch welche Rolle spielt gewerkschaftliche Bildung in der Bewältigung und Gestaltung dieser durch akute Krisen überfrachteten gesellschaftlichen Transformation? Und warum lohnt ein neuer Blick auf das Verständnis politischer gewerkschaftlicher Bildung?
Gewerkschaftliche Bildung ist politische Bildung ...
Gewerkschaften haben traditionell ein enges Verhältnis zur Bildungsarbeit und können selbst als Modell für politische Lernprozesse verstanden werden. Sie sind historisch betrachtet ein Resultat der inmitten der industriellen Revolution aufgekommenen zwischenmenschlichen Aushandlung des Umgangs mit den damals neuen Arbeitsverhältnissen, der sozialen Kooperation und verkörpern damit den „Beginn der politischen Arbeiter*innenbildung“ (Kehrbaum 2024, S. 413).
Gewerkschaftliche Bildungsarbeit versteht sich auch heute explizit als politisches Lernen. Gewerkschaften und Arbeitnehmer*innenorganisationen, wie beispielsweise das DGB-Bildungswerk und Arbeit und Leben e.V., nehmen dabei im Feld der politischen Bildung eine besondere Stellung ein, denn die gewerkschaftliche Bildungsarbeit ist einerseits auf die berufliche Qualifikation, Fortbildung und politische Bildung von Gewerkschaftsfunktionären, Vertrauensleuten sowie Betriebs- und Personalräten gerichtet – sprich: Zweckbildung, verstanden als funktionsbezogene Qualifizierung für konkrete Rollen im Betrieb. Andererseits zielen Gewerkschaften dem eigenen Anspruch nach immer auch auf die Förderung politischer Urteilsfähigkeit, Solidarität und kollektiver Handlungsfähigkeit ihrer Mitglieder und aller Arbeitnehmer*innen zu aktuellen politischen Themen und strukturellen Zusammenhängen. Diese gesellschaftspolitische Verantwortung verbindet arbeitsweltliche Interessensvertretung mit politischer Bildung und trägt so zur Stabilisierung und Weiterentwicklung demokratischer Praxis bei.
Arbeitnehmer*innenorganisationen und gewerkschaftsnahe Bildungsanbieter zählen beständig zu den größten Anbietern politischer (Erwachsenen-)Bildung (Michelbrink 2016). Gerade durch den in den meisten Bundesländern gesetzlich geregelten Anspruch auf Bildungsurlaub können sie durch den breiten Zugang in die Betriebe und über arbeitsnahe Multiplikator*innen unterschiedliche Milieus ansprechen, vielfältige Blickwinkel von Stammbelegschaft, Hilfsarbeiter*innen, Erwerbslosen oder prekär Beschäftigten zusammentragen und von der Stahlarbeiterin bis zum Dienstleister diverse Tätigkeitsfelder einbeziehen. In diesem Kontext ist gewerkschaftliche Bildungsarbeit eine große Förderin politischen Lernens, das gesellschaftliche und ökonomische Interessen vermittelt und das Bewusstsein für kollektives Engagement, Mitgestaltung und demokratische Organisation stärkt – und das immer vor dem Hintergrund geteilter Erfahrungen im Betrieb, dem Angestelltenverhältnis und den Anlässen der Arbeitswelt. In diesen „gesellschaftlichen Zwischenwelten“ (Negt 2010) können Gewerkschaften lebbare Einheiten und neue öffentliche Räume eröffnen, zwischen Nähe und Distanz, zwischen der Lebensrealität der Arbeitnehmer*innen bzw. der betrieblichen Realität und den gesamtgesellschaftlichen Problemlagen: Räume, die nicht zu klein-privat (etwa auf das unmittelbare persönliche Umfeld begrenzt), aber auch nicht zu groß-anonym wie gesamtgesellschaftliche Öffentlichkeiten sind. Damit positioniert sich gewerkschaftliche Bildungsarbeit als vermittelnder Erfahrungsraum. Sie ermöglicht es, individuelle Arbeits- und Lebenslagen kollektiv zu deuten, politisch einzuordnen und in solidarisches, demokratisches Handeln zu übersetzen.
... oder nicht mehr? Die Gefahr der Entpolitisierung gewerkschaftlicher Bildung
Gerade vor dem Hintergrund dieser Potenziale steht die gewerkschaftliche Bildungsarbeit aber auch immer wieder in der Kritik. Zwar versteht sie sich als politische Bildung, doch sie kämpft mit ambivalenten Entwicklungen, die diesen ideellen Kern immer wieder angreifen. So geraten gewerkschaftliche Bildungsangebote etwa im Bereich des Bildungsurlaubs durch private Bildungsangebote, die eher instrumentelle, unpolitische Angebote platzieren, unter Druck. Zudem müssen gewerkschaftliche Bildungsträger in begrenzter Zeit ihren Mitgliedern und Engagierten das Handwerkszeug für gewerkschaftliche Praxis vermitteln. Für politische Bildung, die über diese zweckorientierte Ausbildung hinausgeht, bleibt oft kaum Raum. Das spiegelt sich etwa in den Programmen der Bildungsträger der großen deutschen Gewerkschaften wider, deren Seminarprogramme überwiegend Zweckbildungsangebote enthalten. Politische Bildungsarbeit droht so in den Hintergrund zu rücken. Dabei bringt der tiefgreifende Umbau von Wirtschaft und Arbeitswelt neue Qualifikationsanforderungen, Konfliktlinien und Aushandlungsprozesse hervor und muss gleichermaßen die sich zuspitzenden Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, Partizipation und Verteilung der Transformationskosten berücksichtigen. In diesem Kontext überrascht es nicht, dass der Bildungsbegriff im gewerkschaftlichen Denkraum durch die „bildungsindustrielle Sprache“ (Rösen 2024, S. 40) überformt zu werden droht. Kenneth Rösen zeigt dies anhand einer empirischen Analyse der Gewerkschaftstagsbeschlüsse der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW): Begriffe wie lebenslanges Lernen, Kompetenzmodelle oder Formulierungen wie Begabungsreserven bzw. Humanressourcen wurden vielfach affirmativ übernommen, obwohl sie in den Erziehungswissenschaften schon lange kritisch diskutiert werden, da sie gesellschaftliche zu individuellen Problemen machen. Rösen geht noch einen Schritt weiter. Anknüpfend an Oskar Negts alte Warnung vor der „Gefahr einer proletarischen Imitation der bürgerlichen Halbbildung“ (1968, S. 18) belegt er, dass in den Beschlüssen ein erstaunlich einseitiger Fokus auf Bildungsfinanzierung gelegt wird. Es zeigt sich, dass sich „in den Beschlüssen mit einer ideologieartigen Vehemenz auf Bildungsfinanzierung als den Weg geeinigt wird, mit dem alle Probleme des Bildungswesens adressiert und gelöst werden können“ (ebd., S. 41). Damit markiert Rösens Analyse ein zentrales Problem: Die Gewerkschaften treten im Feld der Bildungspolitik kaum mehr als progressive, sondern vielmehr als den Status-quo verteidigende Akteurinnen in Erscheinung und lassen eine vertiefte Diskussion darüber, was politische gewerkschaftliche Bildung unter aktuellen Bedingungen ist (bzw. nicht ist oder sein kann), vermissen.
Diese Verschiebungen verdeutlichen, wie wichtig es ist, gewerkschaftliche Bildung im Angesicht der Transformationsnotwendigkeiten erneut politisch zu schärfen und gegen ökonomisierende Deutungen zu behaupten. Nicht nur sind die dezidiert gesellschaftspolitischen Bildungsangebote der Gewerkschaften weniger nachgefragt, auch der Kontakt zur betrieblichen und zur gesellschaftlichen Realität scheint in Zeiten vielfältig verschränkter Krisen immer weniger voraussetzbar. Pädagogische Bemühungen drohen die Probleme gar zu verschärfen, wenn es nicht gelingt, die betriebliche Realität mit globalen Entwicklungen und den sozial-ökologischen Verwerfungen in einen Zusammenhang zu bringen. Es reicht aufgrund der Komplexität der Vielfachkrise nicht mehr aus, diese nur zu erklären und Wissen über sie zu vermitteln. Wenn etwa Bildungsträger Wissen über die Klimakatastrophe vermitteln, Teilnehmende aber Unterstützung zur Umsetzung von Maßnahmen und zur Herstellung von Handlungsfähigkeit – etwa am Arbeitsplatz – über den Bildungsurlaub hinaus, fehlt, können pädagogische Bemühungen die Probleme sogar verschärfen. Wenn die betrieblichen Strukturen keine Ermöglichungsbedingungen für transformatorisches Handeln bereitstellen, wird wirkungsvolles individuelles Handeln unmöglich. Gelingt es nicht, betriebliche Realität, globale Entwicklungen und sozialökologische Verwerfungen in einen Zusammenhang zu bringen, drohen Partizipationsformate zur Pseudopartizipation zu werden: Statt Ohnmacht zu verringern, vertiefen sie Resignation, wenn Beschäftigte gebeten werden, vorgegebene Transformationspfade zu akzeptieren, ohne deren Richtung oder soziale Ausgestaltung durch kollektive Handlungsprozesse mitgestalten zu können.
Gewerkschaftliche Bildung in der sozial-ökologischer Transformation
Schaut man auf die aktuelle gewerkschaftliche Bildungsarbeit, finden sich in den Bildungsprogrammen der Gewerkschaften immer wieder Versuche, Bildungsformate rund um das Thema sozial-ökologische-Transformation zu etablieren. Ver.di hat innerhalb ihres gesellschaftspolitischen Seminarbildungsprogramms dazu etwa einen eigenen Schwerpunkt „Sozial-ökologische Transformation“ und auch IG Metall oder IGBCE haben Online-Fortbildungsreihen zum Thema Nachhaltigkeit und Transformation entwickelt. Die Etablierung dieser Formate ist ein erster wichtiger Schritt zu mehr gewerkschaftlicher Bildung für die sozial-ökologische Transformation. Dennoch haben sich entscheidende Erfolge bislang nicht eingestellt. So haben Arbeiter*innen weiterhin große Transformationsängste, was sich nicht nur auf die Offenheit von Transformationsprozessen auswirkt, sondern auch das Wahlverhalten mitbestimmt (Hövermann 2025). Dies legt den Schluss nahe, dass es in stark politisierten Zeiten mehr Formate braucht, die Räume eröffnen, in denen Beschäftigte gemeinsam analysieren können, wie Krisen miteinander verschränkt sind, welche Interessen sich hinter Krisen formieren und wie sie sich im Betrieb sowie in der Gesellschaft kollektiv organisieren können.
Schlussendlich stellt sich also die Frage, wie gewerkschaftliche Bildungsarbeit aussehen kann, die das Bildungsziel verfolgt, demokratiefördernde und nachhaltige Lösungswege im Kontext von Transformationsherausforderungen und -müdigkeit aufzuzeigen. Eine mögliche Antwort, die die Bildungsinhalte mit den aktuellen Themen verbindet, die die Beschäftigten umtreiben, wurde auch auf dem WSI-Herbstforum 2025 thematisiert: Simon Schaupp zeigte dort und in seiner Publikation (2024) auf, dass selbst bei direkter Auswirkung der Krise am Arbeitsplatz, die Folgen und Ursachen nicht ausreichend verknüpft und die betriebliche und politische Ebene nicht entsprechend verschränkt werden. Die fehlende Verschränkung betrieblicher und sozial-ökologischer Probleme entstehe zum einen vor dem Hintergrund, dass Klimaschutz häufig als von oben aufgesetztes Konzept von sogenannten „Zahlenmenschen“ wahrgenommen wird und zum anderen aus der Missachtung von Erfahrungswissen der Beschäftigten, deren Expertise oftmals, gerade in Betrieben mit wenig Mitbestimmung, nicht ausreichend anerkannt wird. So bestätigt Schaupps Forschung, dass beispielsweise in der Baubranche Ressentiments gegen Klimaschutzmaßnahmen bestehen. Gleichzeitig würde aber übersehen, wo genau diese herrühren, denn Arbeiter*innen üben durchaus eine genuin ökologische Kritik an der eigenen Branche, die sich aus ihrem Handlungs-, Material- und Prozesswissen speist. Als Beispiel verweist Schaupp zunächst auf den im Zuge des Klimawandels zunehmenden Hitzestress auf Baustellen und Praktiken von Bauarbeiter*innen, in denen sich ein ökologischer Eigensinn ausdrückt. Sie organisieren zusätzliche Pausen im Schatten oder verändern stillschweigend Arbeitsabläufe, um sich gesundheitsgefährdenden Bedingungen zu entziehen und besonders belastende Tätigkeiten in die kühleren Tageszeiten zu verlagern. Solche Praktiken erscheinen auf den ersten Blick als individuelles Ausweichverhalten und werden teilweise sogar als unsolidarisch wahrgenommen, weil sie kollektive gewerkschaftliche Strategien unterlaufen können. Gleichzeitig zeigen die Beschäftigten aber, so Schaupp, eine hohe Sensibilität für die im Klimawandel notwendige Verknüpfung von ökologischen und gesundheitlichen Folgen der eigenen Arbeit. Beschäftigte in der Betonarbeit thematisieren etwa den destruktiven und umweltschädlichen Charakter ihres Gewerbes, stellen Zusammenhänge zwischen der eigenen Tätigkeit und dem – inmitten von Bauprojekten auch konkret erlebten – Rückgang der Biodiversität her und prangern z.T. die enorme Materialintensität der Branche an – stets verbunden mit dem pragmatischen Hinweis, dass der Lebensunterhalt nun einmal verdient werden müsse. Oskar Negts Hinweis, dass die „Verantwortung für den Erhalt und die Erweiterung des eigenen Betriebs“ zunehmend verknüpft ist mit einer „organisierten Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Ganzen, dem Gemeinwesen“ (Negt 2010, S. 206) scheint hier zunehmend aufzubrechen – eine Konstellation, die Schaupp zufolge dort stabilisiert statt politisch produktiv gemacht bzw. transformiert wird, wo betriebliche Erfahrungen nicht politisch rückgebunden werden und Beschäftigte auf die Rolle von Anpassungsakteuren reduziert bleiben.
Für die gewerkschaftliche Bildungsarbeit ergeben sich daraus neue Fragestellungen im Kontext des gesellschaftlichen Wandels, die sowohl für die aktuellen politischen Entwicklungen als auch für die zukünftige Ausrichtung unserer Gesellschaft zentral sind. Bis vor einigen Jahren lauteten zentrale Fragen: Wie schaffen wir es Transformation zu gestalten? Welche Wege wollen wir gehen? Welche Pfade können wir einschlagen, ohne dass Krisen große Disruptionen am Arbeitsplatz auslösen? Spätestens seit der Corona-Pandemie sind die vielfachen Krisen, seien es Klimakrise, wirtschaftlicher Druck, Kriege oder globale Abhängigkeiten, jedoch unmittelbar in den Betrieben angekommen. Gewerkschaftsarbeit und Mitbestimmungsstrukturen sind wichtig, um auf betrieblicher Ebene akute Folgen abzufedern. Langfristige Lösungsperspektiven entwickeln sich jedoch nur aus einer Verknüpfung der betrieblichen Realitäten mit den globalen politischen Gegebenheiten, wie es in politischen Bildungsräumen erprobt werden könnte.
Wie diese Verschränkung gelingen kann, zeigt Schaupp am Beispiel der Bauarbeiter*innen, die aufgrund des Klimawandels zunehmend unter Hitze leiden. Lösungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen müssen hier mit einem politischen Bewusstsein verknüpft werden, das in der Lage ist, diese Veränderungen nicht nur als individuelles oder branchenspezifisches Problem, sondern Ausdruck gesellschaftlicher und ökologischer Umbrüche einzuordnen. Die von Schaupp befragten Beschäftigten haben nämlich eine andere „Umweltorientierung […] die sich deutlich vom dominanten wissenschaftsbasierten Zugriff vieler Klimaaktivisten unterscheidet […]“ (Schaupp 2024, S. 328). In Interviews äußern die Beschäftigten konkrete Vorschläge, wie Baustellen nachhaltiger werden könnten, und stellen bezüglich des Klimawandels umfassende Zusammenhänge her: zwischen schlechter werdenden Arbeitsbedingungen, körperlichen Zumutungen und gesundheitlichen (Langzeit-)Folgen. Für Beschäftigte dieser Branche findet laut Schaupp Umweltschutz also in der Arbeitsorganisation und auch in den Auseinandersetzungen mit Arbeitgebern statt – d.h. die „kollektive Aushandlung der Arbeitsorganisation ist für sie gleichzeitig die zentrale Arena der Klimapolitik. »Naturschutz« als von der Arbeit losgelöste Kategorie spielt für sie eine weit weniger wichtige Rolle“ (Schaupp 2024, S. 328).
Für gewerkschaftliche politische Bildung gibt es genau hier Handlungspotenzial. Lösungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen müssen mit einem politischen Bewusstsein verknüpft werden, das in der Lage ist, diese Veränderungen nicht nur als individuelles oder branchenspezifisches Problem, sondern Ausdruck gesellschaftlicher und ökologischer Umbrüche einzuordnen. Neben dem Beispiel der von der Hitze betroffenen Bauarbeiter*innen lassen sich zahlreiche weitere Beispiele für akute, von Krisen ausgelöste Veränderungen am Arbeitsplatz finden. So bangen Arbeiter*innen in der Stahlindustrie aufgrund des Billigstahls aus China und der fehlenden Produktionsmöglichkeiten für grünen Stahl um ihre Jobs. Beschäftigte in der Verwaltung sehen sich aufgrund digitaler Abhängigkeiten mit immer größer werdenden Überwachungs- und Datensicherheitsproblemen sowie Zentralisierungstendenzen konfrontiert. In der Automobilindustrie geben immer öfter mangelnde Verfügbarkeiten von Vorprodukten und Rohstoffen den Produktionstakt vor.
Eine gewerkschaftliche Bildungsarbeit im Kontext von Wandel und Transformation muss die Auswirkungen, die Beschäftigte und Angestellte in den Betrieben konkret spüren, in den Kontext politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen setzen, um die Mitbestimmungsstrukturen für die Zukunft nutzen zu können. Bildungsformate, die neben der betrieblichen auch die gesellschaftspolitische Einordnung direkt an der Erfahrung konkreter Veränderungen vornehmen, sind daher besonders wichtig. Bildungsurlaube, etwa als zentrale Formate gewerkschaftlicher Bildungsarbeit, können die Ereignisse gesellschaftspolitisch diskutieren und die Auswirkungen auf Beschäftigte sichtbar machen, also klassisch Wissen vermitteln. Sie müssen aber, auch über die Zeit im Seminarhaus hinaus, Beschäftigte dabei unterstützen, ihr Erfahrungswissen in der Transformation geltend zu machen. Hierbei rücken Fragen ins Zentrum wie: Welche Auswirkungen hat die Klimakrise auf meinen Job? Welche Rolle spielen globale Machtkämpfe im weltweiten Wettbewerb in Bezug auf meine Produktion vor Ort? Wie wirkt sich digitale Abhängigkeit auf meinen Arbeitsalltag aus?
Diese Fragen müssen gepaart werden mit Überlegungen wie: Wie kann ich mich im Betrieb auf diese veränderten Bedingungen einstellen? Welche betrieblichen und gesellschaftspolitischen Veränderungen kann ich anstoßen, um mich vor diesen Entwicklungen zu schützen und ihnen entgegenzuwirken?
Gerade hier liegt das besondere Potenzial gewerkschaftlicher politischer Bildung als Ort sozial-ökologischer Transformation von unten. Beschäftigte können diese Fragen über ihr „verkörpertes Erfahrungswissen“ (Schaupp 2024, S. 50), das sich aus der täglichen Arbeit speist und nicht immer als formales oder sprachlich leicht artikulierbares Wissen vorliegt, beantworten. Wie Schaupp beschreibt, entwickeln Arbeiter*innen ein „Gefühl für Schraubenzieher, Stanzmaschinen und Computer“ (ebd.) – ein praktisches, situiertes Wissen über Materialien, Abläufe, Belastungen und Ressourcenverbräuche. Dieses Wissen ist zentral, wenn es um den Umbau von Produktionsprozessen, den Einsatz neuer Technologien oder die Frage geht, wie im eigenen Betrieb ökologischer und sozial nachhaltiger produziert werden kann.
Theoretisch knüpft diese Perspektive an Negts Verständnis eines gesellschaftspolitischen Verantwortungsbewusstseins an, das aus der Verbindung von konkreter Arbeitserfahrung und pädagogisch initiierter politischer Urteilsbildung erwächst. Für die Konzeption, Planung und Umsetzung bedeutet sie praktisch, Beschäftigte nicht nur als Adressat*innen von Bildungsangeboten zu behandeln, sondern als Expert*innen ihrer eigenen Arbeits- und Lebensbedingungen. Bildungsarbeit muss praxisnah, d.h. arbeitsplatzbezogen – damit über den Bildungsort hinaus – und kontinuierlich im Unternehmen und am Arbeitsplatz begleiten und unterstützen. Gewerkschaftliche politische Bildung wird so zu einem Ort, an dem sozial-ökologische Transformation nicht nur erklärt, sondern gemeinsam entwickelt wird.
Gleichzeitig sollte man die Augen nicht vor der Realität verschließen: Politische gewerkschaftliche Bildungsarbeit kann Handlungsoptionen aufzeigen, Veränderungen vorantreiben und demokratiefördernd wirken. Ihr Einfluss auf die sich in den kommenden Jahren verstärkenden Krisen wird jedoch indirekt bleiben. Sie ist eine notwendige Voraussetzung für das Gelingen gesellschaftlichen Wandels, aber kein allumfassendes Allheilmittel, das kurzfristige Lösungen in einer immer komplexer werdenden Zukunft direkt implementieren kann. Gerade deshalb, ist es wichtig, den institutionellen Rahmen der gewerkschaftlichen politischen Bildungsarbeit so zu stärken, dass Bildungsfragen im betrieblichen Kontext immer auch als politische Fragen verhandelt werden können und Bildungsangebote in den betrieblichen Alltag der Beschäftigten entfaltet werden können. Dafür sind nicht nur verbesserte finanzielle Rahmenbedingungen erforderlich, sondern insbesondere strukturelle Veränderungen, die es der gewerkschaftlichen Bildung ermöglichen, politische Bildung in den Betrieben und Unternehmen umzusetzen. Die Verknüpfung von betrieblicher und politischer Bildung entfaltet ihre besondere Wirkung vor allem dann, wenn Beschäftigte in den Betrieben und am Arbeitsplatz unmittelbar aktiv werden können – unterstützt durch eine Bildungsarbeit, die nicht belehrt, sondern befähigt, und durch einen gesellschaftlichen und betrieblichen Rahmen, der die Impulse und Erfahrungen aus dem betrieblichen Alltag als wertvolle Expertise einzubinden weiß.
Literatur
Demirović, Alex; Dück, Julia; Becker, Florian; Bader, Pauline (Hrsg.) (2011): VielfachKrise. Im finanzmarktdominierten Kapitalismus. Hamburg: VSA Verlag
Hövermann, Andreas: Die Verdopplung des AfD-Elektorats, WSI-Study Nr. 42, August 2025
Kehrbaum, Tom (2024): Gewerkschaftliche Bildung als kritische Praxis gemeinschaftlichen Lebens – ein Modell für die politische Bildung? In: Handbuch kritische politische Bildung. Frankfurt/Main: Wochenschau Verlag, S. 412-420
Michelbrink, Andreas (2016): Politische Bildung von Arbeitnehmerorganisationen. In: Hufer, Klaus-Peter; Lange, Dirk (Hg.): Handbuch politische Erwachsenenbildung. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag, S. 281-291
Mullis, Daniel; Thompson, Vanessa E.; Pichl, Maximilian (2023): Am autoritären Kipppunkt. In: taz online. https://taz.de/Gefahr-antidemokratischer-Tendenzen/!5937734/
Negt, Oskar (2010): Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform. Schriften Bd.4, Göttingen: Steidl Verlag
Negt, Oskar (1968/2016): Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen. Zur Theorie und Praxis der Arbeiterbildung. Schriften Bd. 2, Göttingen: Steidl Verlag
Negt, Oskar (2016): Versuch einer Ortsbestimmung der politischen Bildung. In: Hufer, Klaus-Peter; Lange, Dirk (Hg.): Handbuch politische Erwachsenenbildung. Schwalbach Ts.: Wochenschau Verlag, S. 10-20
Rösen, Kenneth (2024): Der bildungsindustrielle Komplex. In: Feldmann, Dominik; Pelzel, Steffen; Sämann, Jana (Hg.): Kampffeld politische Bildung. Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 34-48
Schaupp, Simon (2024): Stoffwechselpolitik. Arbeit, Natur und die Zukunft des Planeten. Berlin: Suhrkamp
Die Blogserie ist eine Zusammenarbeit zwischen dem WSI und dem Next Economy Lab (NELA). Das WSI-Herbstforum 2025 hat sich unter dem Titel „Krisen, Kämpfe, Lösungen: Transformationskonflikte im sozial-ökologischen Wandel“ dem Thema ebenfalls gewidmet. Bei NELA entsteht diese Reihe im Rahmen des Projektes „Team soziale Klimawende“, in dem Gewerkschaftsmitglieder aus IG Metall und ver.di in einer übergewerkschaftlichen Fortbildungsreihe zu Transformationspromotor*innen ausgebildet werden. Sie lernen die soziale Klimawende vor Ort und in ihren Betrieben selbst mitzugestalten, Unterstützer*innen zu gewinnen und Widerständen aktiv zu begegnen. Das Projekt wird von der Mercator Stiftung unterstützt.
Die Beiträge der Serie
- Neva Löw/Sarah Mewes/Magdalena Polloczek: Konflikte um eine sozial gerechte Klimawende (08.10.2025)
- Markus Wissen: Transformationskonflikte und globale Klimagerechtigkeit (09.10.2025)
- Neva Löw/Maximilian Pichl: Wie Klimakrise und globale Migration miteinander verbunden sind (13.10.2025)
- Silke Bothfeld/Peter Bleses: Gleichstellung im Arbeitsmarkt – Welche Herausforderungen bringt die ökologische Transformation? (21.10.2025)
- Marischa Fast/Stefanie Bühn/Johanna Weis: Gesundheitsschutz im Kontext der Klima- und Umweltkrisen – ein Thema für die Arbeitswelt (27.11.2025)
- Rahel Weier/Miriam Rehm/Neva Löw: Wie Gendereinstellungen Klimasorgen prägen (29.01.2026)
- Marian Jacobs: Wärme als öffentliche Aufgabe (16.04.2026)
- Indira Dupuis: Gleichstellung mit zukunftsorientierter Weiterbildung in der Chemie- und Pharmabranche (07.05.2026)
- Tanja Brumbauer/Sarah Mewes: Reichtum und Klimakrise: Können wir uns die Reichen noch leisten? (21.05.2026)
- Tom Krebs/Patrick Kaczmarczyk: Grüner Stahl: Warum Deutschland seine Stahlindustrie braucht (08.07.2026)
- Sarah Mewes/Leon Raabe: Beschäftigte im Kreuzfeuer der Transformationskonflikte der Automobilindustrie (24.07.2026)
- Ulrich Brand: Wie wir durch „transformative Zellen“ ins Handeln kommen (21.08.2026)
- Jacob Hochhaus/Steffen Pelzel: Gewerkschaften und politische Bildung in der sozial-ökologischen Transformation: Demokratische Gestaltung von unten? (26.08.2026)
weitere Beiträge in Vorbereitung
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Jacob Hochhaus ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Neue Medien an der Universität Siegen, wo er als Projektmitarbeiter im Projekt ATLAS-SWF tätig ist und das Projekt „Betriebliche Transformation durch transformative Bildung“, gefördert durch die Hans-Böckler-Stiftung, leitet. Zudem ist er Fellow beim Next Economy Lab und ehrenamtlicher Teamer in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit.
Steffen Pelzel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Didaktik der Sozialwissenschaften der Universität Siegen. Er promoviert zu kritischer Bildungstheorie und politischen Ökologien und ist Mitarbeiter im DFG-Projekt »Zwischen professioneller Autonomie und staatlicher Inanspruchnahme: Eine Genealogie des Verhältnisses von Demokratie, Regieren und politischer Bildung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland«.